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Ein junger Mann muss sich vor Gericht verantworten: Er tötete mit einem Unfall bei Hofheim seine drei besten Freunde.
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Ein junger Mann muss sich vor Gericht verantworten: Er tötete mit einem Unfall bei Hofheim seine drei besten Freunde.

Unfall bei Hofheim

Prozess wegen drei Toten bei Unfall: „Das war doch meine Familie!“

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Ein junger Mann muss sich vor Gericht verantworten: Er tötete mit einem Unfall bei Hofheim seine drei besten Freunde.

Am Abend des 10. Juli 2020 tötet Benjamin B. (Name geändert) seine drei besten Freunde und verliert sein Leben. Der 18. Geburtstag des jungen Mannes liegt drei Tage zurück, der Lockdown ist vorbei und erstmals seit langer Zeit verbringt die Clique wieder einen gemeinsamen Tag. Sie hängen im Freien ab, gehen zusammen essen, besuchen eine Shishabar. Auf der Heimfahrt im SUV seiner Mutter verliert B. in einer langgezogenen Kurve der L3018 zwischen Hofheim-Langenhain und -Wildsachsen die Kontrolle über den Wagen. Das Auto prallt gegen einen Baum. Seine zwei 19 und 18 Jahre alten Freunde auf der Rückbank sterben vor Ort, der 17-Jährige Beifahrer kurz darauf im Krankenhaus. B. verletzt sich leicht an der Schulter.

Der Saal des Jugendschöffengerichts, in dem sich B. seit Dienstag wegen fahrlässiger Tötung strafrechtlich verantworten muss, ist viel zu klein. Alle Plätze, die die Corona-Verordnung erlaubt, sind sofort besetzt. Viele Hinterbliebene werden abgewiesen, es ist nahe am Tumult. Der Vater eines Opfers muss sich seinen Platz im Zuschauerraum erbetteln. Die Atmosphäre im Saal beherrschen Trauer, Schmerz und Wut. B. schlägt der blanke Hass entgegen.

„Ich bin nicht zu schnell gefahren“ – Jugendlicher schon an Unfallstelle mit Schutzbehauptungen

Wütendes Zischen im Zuschauerraum, als B. aussagt, er habe einem Wildtier ausweichen wollen, als er die Kontrolle über das Auto verlor. Höhnisches Lachen, als er die in seinem Blut festgestellten THC-Reste mit dem Besuch in der Shishabar erklären will – er habe lediglich während des Lockdowns ein paar Mal aus Langeweile gekifft und es dann wieder sein gelassen. Müdes Abwinken, als Zeugen aussagen, B. habe bereits an der Unfallstelle immer wieder den Satz wiederholt „Ich bin nicht zu schnell gefahren“. Eine Schutzbehauptung: Laut Gutachten kam B. mit 135 Kilometern pro Stunde von der Straße ab. Erlaubt waren 100, seit dem Unfall sind es 70. Immer wieder brechen nicht nur die Eltern der Opfer bei Detailschilderungen des Unfalls in Tränen aus.

Der 42 Jahre alte Sebastian S. ist an jenem Juliabend mit seiner Familie auf der Heimfahrt, als ihn entgegenkommende Autofahrer auf der L3018 mit Lichthupe und Handzeichen warnen. Er drosselt das Tempo und hält an, als ihm, wie er zuerst glaubt, zwei Betrunkene auf der Straße entgegentorkeln: ein Mann, der immer wieder in sich zusammensackt, und eine Frau, die ihn stützt und aufrichtet. „Da war doch was auf der Straße!“, schreit der Mann immer wieder. Dann fällt er auf die Knie und wirft sich zu Boden, die Frau kniet sich neben ihn. „Das sah aus, als würden sie beten“, sagt der Zeuge. Zwei Sätze schreit der Mann immer wieder, wie ein Mantra: „Meine Freunde – das war doch meine Familie!“ und „Warum ich?“ Dann übertönen die Sirenen der nahenden Rettungswagen die Schreie.

Unfall-Fahrer äußert sich: „Oft wünsche ich mir, dass ich auch an diesem Tag gestorben wäre“

Die 48 Jahre alte Erzieherin Ilka K. ist auf dem Heimweg nach Frankfurt, als sie an die Unfallstelle kommt. Ein anderer Zeuge hat bereits einen Notruf abgesetzt, ein weiterer kümmert sich um den letzten Überlebenden im Autowrack. Sie kümmert sich um den Fahrer, der orientierungslos über die Straße irrt und immer wieder zusammensackt. „Was war das? Woher kam das?“, ruft der immer wieder und „Das war doch meine Familie! Wie kann ich jemals wieder in den Spiegel schauen?“. Sie führt ihn weg vom Autowrack und dem entsetzlichen Anblick. Dann fragt der Mann nach seinen Freunden. „Glaubst du an Gott?“, fragt sie ihn. „Ja!“, schluchzt der Mann. „Dann lass uns für deine Freunde beten.“ Und sie beten.

Seitdem führt B. ein anderes Leben. Ein Jahr war er von der Schule beurlaubt. Aus den sozialen Medien hat er sich komplett zurückgezogen. Auch aus der Politik, die sein Hobby war: Seine Partei, für die er bei der Kommunalwahl antreten wollte, hat ihn nach der Tragödie von der Liste genommen. Seine Ex-Parteifreunde meiden ihn. Früher hatte er viele Bekannte. Heute wenden sich viele Menschen ab, wenn sie ihn sehen. Nach dem Unfall gab es Drohungen gegen ihn und seine Familie. Sein Elternhaus wird jetzt mit einer Kamera überwacht. Autofahren will er nie wieder.

Als Benjamin B. das Wort an die Hinterbliebenen richtet, wird es im Saal totenstill. „Ich denke jeden Tag an meine Freunde. Oft wünsche ich mir, dass ich auch an diesem Tag gestorben wäre. Ich kann Ihr Leid und Ihre Trauer nicht mindern. Ich kann Sie nur um Vergebung bitten.“ (Stefan Behr)

Der Prozess wird fortgesetzt.

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