Mit so einer Ausbeute lässt sich manche Marmelade kochen und Torte bestücken.
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Mit so einer Ausbeute lässt sich manche Marmelade kochen und Torte bestücken.

Hofheim

Prall, rot, fruchtig und aromatisch

  • vonJürgen Streicher
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Auf den Erdbeer-Plantagen der Region ist an Pfingsten die Hölle los, auch in Hofheim.

Clery im Sonnentunnel macht den Anfang. Da gehen die Pflücker schon im April mit gebücktem Kreuz oder elegant in der Hocke durch die endlosen Reihen mit Erdbeerpflanzen. Nur Profis, im Sonnentunnel wird für den Markt und die Verkaufsstände an der Straße produziert. Süß, fruchtig und aromatisch frisch soll die Früherdbeere Clery sein, wie all die anderen Sorten auch, die nach ihr bis in den Juli folgen. Sie soll den Geschmack anregen und Lust auf viel mehr davon machen. Durch perfektionierte Anbaumethoden ist der Ertrag reich. Mindestens acht Tonnen Früchte muss ein Hektar abwerfen, damit das Geschäft rentabel bleibt, heißt es. Ab Mitte Mai darf auch das Volk zum Selbstpflücken auf die Erdbeer-Plantagen unter freiem Himmel bei Bauer Paul am Ortsrand von Wallau.

Staub weht am Pfingstsamstag gegen 11 Uhr über den frisch durchwühlten Acker neben den Parkplätzen. Die Erde ist furztrocken, Staubwolken fliegen bei kräftigen Windböen unter dem weißblauen Himmel immer wieder über das gesamte Erdbeer-Areal. Viele Sonnentunnel, breit und lang. „Das ist die Industrialisierung der Landwirtschaft“, sagt ein älterer Herr sinnierend, der mit zwei Hunden unterwegs ist und eigentlich nur ein Schälchen süße Früchte vom Verkaufsstand mitnehmen wollte. Das Pfund kostet 3,70 Euro, zwei gibt’s für sieben Euro. Den Großbauern Reiner Paul kennt der Herr mit Hund seit 40 Jahren, er schickt ihm eine Nachricht mit aktuellen Fotos, wie es hier aussieht. 

Ganze Familien bevölkern die endlosen Reihen der Erdbeerpflanzen.

An die 80 Autos im Staub beidseits des Weges, lange Schlange am Verkaufsstand, die zwei Helfer bewältigen müssen, Staubfahnen über allen Wegen. Die Menschen sind geduldig, erst mit leeren Körben, Eimern, Schüsseln bei der Anmeldung, nachher mit voller Erdbeerlast. Mit der lachenden Erdbeere auf jeder Fahne, jedem Schild und auf jedem T-Shirt der MitarbeiterInnen wird das Werbeziel erreicht: Die Lust auf Erdbeeren ist enorm, die Lust auf Fragaria aus der Familie der Rosengewächse. Dank der ausgeklügelten Tropf-Schlauch-Bewässerung läuft die Erdbeerzeit bis Juli. Die Früchte, unter einer speziellen Folie angebaut, werden unterirdisch mit Wasser direkt an der Wurzel versorgt. 

Hunderte Menschen, Frauen, Männer, Kinder jeden Alters bücken sich über die Freiland-Früchte, für sie ist nur interessant, was über Tropf-Schlauch und Folie an den Stielen hängt. „Die Dicken sind gut für Marmelade“, ruft eine Frau ihrer Tochter zu. Tonnenweise erleichtern die Selbstpflücker die Pflanzen von der Früchtefracht und füllen an der Waage die Kasse. Zwei Kilo (ohne das Gefrühstückte unterwegs) sind das Minimum, vier Euro kostet dann das Kilo, ab zehn Kilo nur noch drei Euro. Aktuell stehen die Sorten Sonata, Rumba und Salsa hoch im Kurs, im Sonnentunnel wächst auch eine namens „Korona“.

2019 war die Erdbeerlust preisgünstiger zu befriedigen. Auch beim Selbstpflücken. Ohne Corona und mit genügend reisendem Personal. Auf dem Acker mit der lachenden Erdbeere gelten die bekannten Regeln: Mindestabstand, korrekt husten und niesen, Handdesinfektion vor Betreten der Felder, Schutzmaske beim Wiegen und Bezahlen. Abstand? Na ja. Maske? Nein Danke.

Erdbeerpflücken scheint weltweit Kindheitserinnerung zu sein, die weitergegeben wird, Ritual, Vergnügen, Jagdfieber und unmittelbarer Genuss. Bei Yvonne Sarasty Rodriguez kommt noch „Erholung pur“ und der Traum vom „Erdbeerduft in der Küche“ hinzu. Die Krönung in den „Strawberry Fields Forever“: das fertig etikettierte Glas. „Selbstgepflückt, selbstgemacht“.

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