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Michael Antenbrink, SPD- Unterbezirksvorsitzender des Main-Taunus-Kreis.

Hofheim

„In aussichtslosen Rennen wollen wir niemanden verheizen“

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SPD-Main-Taunus-Vorsitzender Michael Antenbrink über verlorene Bürgermeisterwahlen, Neueintritte in die Partei und seine Kandidatur für das Stadtparlament in Flörsheim 2021.

Die SPD Main-Taunus musste in den letzten Jahren eine Reihe von Niederlagen einstecken. Vier Bürgermeisterwahlen sind seit 2015 verloren gegangen, drei Mal wurden die sozialdemokratischen Amtsinhaber abgewählt. Im Kreisparlament sitzt die SPD seit den 1990er Jahren auf der Oppositionsbank. Aktuell regiert ein Bündnis aus CDU, Grünen und der FDP den Landkreis.

Herr Antenbrink, was ist los mit den Genossen im Main-Taunus-Kreis?
So schlimm sich das alles anhört, so wenig ist die Entwicklung meiner Meinung nach als Katastrophe zu werten. Ich sehe darin eher eine Chance, wieder nach vorne zu schauen. Als SPD haben wir im traditionell konservativ geprägten Main-Taunus-Kreis aktuell ein Strukturproblem. Als wir reihenweise Bürgermeisterwahlen gewonnen haben, waren wir auf der Sonnenseite, jetzt erleben wir mit den Wahlniederlagen die Schattenseite.

Aber wo liegen die Ursachen für die Verluste der SPD?
Ich denke, sie sind nicht unbedingt in der Politik vor Ort zu suchen. In Hofheim zum Beispiel haben wir mit Bernhard Köppler einen hervorragenden Kandidaten bei der Bürgermeisterwahl gehabt. Da hat uns geschadet, dass sieben Kandidaten im ersten Wahlgang angetreten sind und Köppler als Zweiter relativ weit hinten lag. Viele Wähler haben wohl gedacht, dass er chancenlos ist gegen den CDU-Kandidaten Christian Vogt und sind nicht mehr zur Stichwahl gegangen. Vor allem in den Wahllokalen, wo die SPD traditionell gut abschneidet, war die Wahlbeteiligung niedrig.

Spielen auch bundespolitische Trends eine Rolle?
Mit Sicherheit. Die Parteienlandschaft in Deutschland hat sich verändert. Abgeordnete der AfD sitzen jetzt auch im Main-Taunus-Kreistag, und Menschen, die früher SPD gewählt haben, haben ihnen die Stimme gegeben. Dafür sind auch überregionale Effekte verantwortlich. Die SPD hat aktuell einfach kein gutes Standing.

Sie sind erst vor kurzem als Unterbezirksvorsitzender wiedergewählt worden. Woher nimmt man in so einer Situation die Motivation weiterzumachen?
Politik ist kein Selbstzweck, sondern sie folgt einem Ziel, und dem fühle ich mich als Sozialdemokrat verpflichtet. Dabei geht es nicht um Macht, aber sehr wohl um Einfluss, um auch aus der Opposition heraus gestalten zu können. Aus meiner Sicht ist das in einer Demokratie von elementarer Wichtigkeit.

Sie selbst haben bei der Bürgermeisterwahl in Flörsheim im vergangenen Jahr eine bittere Niederlage erlebt, gehören zu den Wahlverlierern. Stellt man sich da nicht die Frage: „Bin ich noch die richtige Person an der Spitze der Partei?“
Natürlich habe ich mir diese Frage gestellt. Und ich habe auch klar gemacht: Wenn es jemanden gibt, der es besser machen kann als ich, dann stehe ich nicht im Weg. Ich versuche momentan, überall da zu helfen, wo man mich braucht. Ich habe das Gefühl, dass ich jungen Leuten Hilfestellung geben kann aufgrund meiner langjährigen Erfahrung .

Apropos junge Leute: An vorderster Front fehlen sie momentan in der SPD Main-Taunus. Bürgermeisterwahlen gehen oft ohne sozialdemokratische Kandidaten über die Bühne. Ist das nicht eine Bankrotterklärung?
Unser Problem ist: Wir können als SPD im Main-Taunus-Kreis jungen Menschen keine sicheren Posten anbieten. Die sind alle fest in CDU-Hand. Das macht die Situation schwierig. Und wir wollen auch niemanden verheizen, Kandidaten nicht in ein aussichtsloses Rennen schicken.

Aber müsste die SPD nicht gerade bei Bürgermeisterwahlen Flagge zeigen? Beispielsweise in Eschborn, wo bislang nur von der CDU ein Kandidat nominiert wurde, den Grüne und SPD unterstützen?
Ich habe auch geschluckt, als ich erfahren habe, dass die Eschborner SPD eine Wahlempfehlung für Adnan Shaikh abgibt. Aber ich kann der Argumentation folgen. Die Situation in Eschborn ist so ungünstig, dass ein SPD-Kandidat zerrieben würde zwischen dem Kandidaten der CDU auf der einen Seite und Bürgermeister Mathias Geiger von der FDP auf der anderen Seite, sofern er nochmals antritt.

Wie wollen Sie im Main-Taunus-Kreis das Ruder wieder herumreißen und die Wähler auf SPD-Seite bringen?
Wir konzentrieren uns jetzt auf die Kommunalwahlen 2021. Dafür müssen wir uns gut aufstellen, uns auf ursozialdemokratische Themen besinnen und die Menschen dafür sensibilisieren, dass es bei der Wahl um lokale Themen geht und nicht um einen aktuellen politischen Trend.

Welche Themen sind aus Ihrer Sicht im Main-Taunus-Kreis relevant?
Die Frage, wie wir bezahlbaren Wohnraum schaffen zum Beispiel. Wie wir Verkehrs- und Infrastrukturprobleme lösen oder die Betreuung der Schulkinder organisieren.

Neu sind diese Themen aber nicht ...
Das stimmt, aber es sind die drängenden Fragen unserer Zeit. Nehmen sie zum Beispiel die Problematik bezahlbarer Wohnungen: Als SPD werden wir demnächst einen Antrag im Kreisparlament einbringen, dass der kommunale Investitionsfonds dazu genutzt werden soll, um Belegungsrechte für Sozialwohnungen zu kaufen. Die Städte und Gemeinden müssen aktuell pro Wohnung 10.000 Euro zuschießen. Diese Kosten könnte der Landkreis übernehmen und so die Kommunen entlasten.

Sie haben beim Unterbezirksparteitag berichtet, dass es 2017 und 2018 so viele Neueintritte in die Partei gegeben hat wie noch nie. Was suchen die Menschen in der SPD?
Es sind vielfach sehr junge Leute eingetreten, die gerade Abitur machen oder studieren und die sich damit auseinandersetzen, was unsere Welt bedroht. Da geht es nicht darum, Parteikarriere zu machen, sondern es steht ein hoher idealistischer Ansatz dahinter. Dem wollen wir Raum geben, Mitglieder-Workshops im Vorfeld zur Kommunalwahl anbieten und die Teilnahme an Debatten-Camps ermöglichen.

Im kommenden Jahr sind Bürgermeisterwahlen in Hochheim und in Schwalbach. Wie stellt sich die SPD da auf?
Wir haben in Hochheim viele junge Leute im Ortsverein, die engagiert Politik machen. Ich denke, da werden die Sozialdemokraten im Bürgermeisterwahlkampf eine Rolle spielen. In Schwalbach ist bereits ein SPD-Kandidat gefunden, der Christiane Augsburger, die nicht für eine dritte Amtszeit antritt, nachfolgen soll. Schwalbach ist eine SPD-Hochburg und die Heimatstadt von Nancy Faeser. Die künftige Landesvorsitzende in den eigenen Reihen zu haben, gibt sicher Rückenwind im Wahlkampf.

Wie geht es für Sie persönlich weiter? Konzentrieren Sie sich nach Ihrem Ausscheiden als Flörsheimer Bürgermeister jetzt ausschließlich auf den Vorsitz im Unterbezirk Main-Taunus?
Ich bin definitiv noch nicht fertig mit der Politik, das gilt auch für Flörsheim. Ich könnte mir gut vorstellen, auf der Liste der Flörsheimer SPD bei den Kommunalwahlen 2021 zu kandidieren.

Interview: Andrea Rost

Zur Person

Michael Antenbrink (63) ist seit 2015 Vorsitzender der Main-Taunus-SPD. Beim Unterbezirksparteitag vor einer Woche wurde er in seinem Amt bestätigt. Er ist Mitglied der Kreistagsfraktion. 

Von 2006 bis 2018 war der gebürtige Koblenzer Bürgermeister von Flörsheim. Nach den Kommunalwahlen 2016 musste er sich gegen ein Viererbündnis aus CDU, Grünen, FDP und Freien Bürgern durchsetzen. 

Ende Mai letzten Jahreswurde Michael Antenbrink als Rathauschef abgewählt. Sein Nachfolger Bernd Blisch gehört der CDU an. (aro)

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