Ausgrabung Kapellenberg. Michael Schick

Hofheim

Neue Funde auf dem Kapellenberg

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Archäologen werten in Hofheim Puzzleteile aus der Jungsteinzeit aus. Seit 2008 sind die Grabungen im Gange.

Ganz vorsichtig, mit Messern und Spachteln, kratzen junge Frauen und Männer Erdreich von Steinen und anderen Gegenständen, die eine große Bedeutung für die Wissenschaft haben könnten. Sezieren den Boden nicht weit entfernt vom „Meisterturm“ auf der Anhöhe nördlich der Kreisstadt Zentimeter für Zentimeter. Die Puzzleteile, die Studierende der Archäologie und Restaurateure im Grabungspraktikum freilegen, sind klein. Manchmal sehr klein. Krümel nur, die aber fast 6000 Jahre alte Geschichten erzählen können, wenn man sie versteht.

Jeder Stein, jede Erdverfärbung, jede Bodenstruktur erzählt so eine Geschichte. Detlef Gronenborn wird es nie langweilig, wenn er über den Kapellenberg streift. Es ist sein Hobby und seine Liebe, in der Vergangenheit unterwegs zu sein, es ist sein Beruf als Archäologieprofessor und Projektleiter am Römisch-Germanischen Zentralmuseum. Hier oben kommt er immer wieder gerne hin.

Am Kapellenberg sind Detlef Gronenborn und seine Kollegen schon seit 2008 grabungstechnisch unterwegs. Vom „Pompeji der Steinzeit“ spricht er gerne, die über 20 Hektar große Gesamtanlage gilt als einzigartiges Denkmal in Europa. Die Außenwälle der einstigen Siedlung sind inzwischen sehr gut erforscht und dokumentiert, Teile der Innenbesiedlung hätten sich aber immer noch einer „schlüssigen Kenntnis entzogen“, formuliert Gronenborn vorsichtig. Von rund 7000 Bewohnern in der Siedlung der sogenannten Michelsberger Kultur war man anfangs ausgegangen, knapp 1000 waren es wohl, sagt Gronenborn heute.

Forschung

Seit 2008 graben das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) und der Arbeitsbereich Vor- und Frühgeschichte des Instituts für Altertumswissenschaften der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz am Kapellenberg.

Unterstützt und mitfinanziert wird das Projekt von der Hessenarchäologie im Landesamt für Denkmalpflege und der Stadt Hofheim.

Experten von Architectura Virtualis, ein Unternehmen, das mit der TU Darmstadt zusammenarbeitet, haben eine digitale Rekonstruktion des jungsteinzeitlichen Dorfes auf dem Hausberg der Hofheimer angefertigt. jüs

Was die Grabenden nun freigelegt haben, sind Reste innerhalb eines etwa vier mal sechs Meter großen Grundrisses eines jungsteinzeitlichen Grubenhauses aus der Zeit um 3600 v. Chr. Kleine Stücke Holzkohle und anderes verziegeltes Material, das möglicherweise vom abgebrannten Dach des Hauses stammt, weisen den Weg. Oder unnatürliche Steinformationen, die auf eine Türschwelle mit Eingangsrampe in das Grubenhaus hinweisen. Verfärbungen in den Wänden des Erdreichs sind weitere Hinweise auf eine Nutzung des Geländes durch Menschen. Ein Geo-Magnetbild an dieser Stelle hat die Forscher aufmerksam gemacht. Potenzielle Grabungsfelder wie dieses sind nicht einfach zu finden, das heute mit Eichen und Buchen bewachsene Gelände war seinerzeit weitgehend frei von Wald.

Ein gut erhaltener Grundriss wie der am Kapellenberg ist äußerst selten. „Es wäre sträflich, das wegzubaggern“, so Gronenborn und ist sich dabei mit Grabungsleiter Hans Szédeli einig. Beide wollen die Funde „Krümel für Krümel dokumentieren“ und das Gelände hinter dem Ausflugslokal am „Meisterturm“ mit größtmöglicher Sorgfalt ohne Zeitdruck untersuchen.

Mit im Boot ist inzwischen ein Biosystemanalytiker aus Frankreich. Vielleicht können Spuren analysiert werden, die darauf hinweisen, dass es sich um ein Webhaus gehandelt hat, wie einige Experten vermuten. Ihrem Nachfolger will die scheidende Bürgermeisterin Gisela Stang ans Herz legen, die Grabungen wie bisher zu unterstützen und auch mitzufinanzieren, sagte sie gestern bei der Vorstellung des aktuellen Projekts.

Um die Ergebnisse der Forschungen am Kapellenberg auch der Öffentlichkeit zu vermitteln, soll bis etwa November ein archäologischer Rundwanderweg mit Infotafeln und Stelen mit Ausgangspunkt am „Meisterturm“ angelegt werden. Auch eine digitale Rekonstruktion des gesamten Areals soll dann dort zu sehen sein. Das Projekt werde in den Regionalpark Rhein-Main eingebunden, kündigte die Bürgermeisterin an.

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