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Drei Tote bei Unfall nahe Hofheim (Taunus): Der mittlerweile 19-jährige Fahrer und einzige Überlebende wurde verurteilt.
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Drei Tote bei Unfall nahe Hofheim (Taunus): Der mittlerweile 19-jährige Fahrer und einzige Überlebende wurde verurteilt.

Justiz

Emotionaler Prozess nach Unfall mit drei Toten: Urteil gegen Fahrer (19) gesprochen

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Drei Freunde sterben bei einem Unfall nahe Hofheim (Main-Taunus-Kreis). Das Jugendschöffengericht spricht nun das Urteil gegen den damals 18-jährigen Fahrer.

Frankfurt/Hofheim – Gerechtigkeit war von diesem Strafprozess nicht zu erwarten. Wie kann man so etwas überhaupt bestrafen und zugleich der Gerechtigkeit Genüge tun?

Am 10. Juli 2020 baute Benjamin B. (Name geändert) drei Tage nach seinem 18. Geburtstag im SUV seiner Mutter auf einer Landstraße nahe Hofheim einen Unfall, bei dem seine drei besten Freunde starben. Er fuhr deutlich zu schnell – mindestens 135 statt der erlaubten 100 Kilometer pro Stunde. In seinem Blut fanden sich Reste von THC, dem psychoaktiven Wirkstoff von Cannabis.

Tödlicher Unfall bei Hofheim (Main-Taunus-Kreis): „Gerechtigkeit wird es nicht geben“

Das Jugendschöffengericht bestraft B. am Mittwochnachmittag (03.11.2021) wegen fahrlässiger Tötung mit einer Jugendstrafe von einem Jahr und acht Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Er muss 200 Stunden gemeinnützige Arbeit in einer Reha-Klinik oder einem Krankenhaus leisten. Seinen Führerschein ist er für mindestens drei Jahre los. Das Gericht glaubt ihm nicht, dass er am Tattag nicht gekifft habe – ist sich aber auch nicht sicher, ob er in seiner Fahrtüchtigkeit eingeschränkt war. Ebenso wie B.s Aussage, er habe nicht gemerkt, dass er zu schnell gefahren sei, hält die Richterin das für „Schutzbehauptungen“. Von seiner tiefen Reue aber ist das Gericht überzeugt. Doch „Gerechtigkeit für die Hinterbliebenen wird es nicht geben“, stellt die Richterin zu Beginn ihrer Urteilsbegründung fest.

Dass jedwedes Urteil in den Augen der Hinterbliebenen als viel zu milde angesehen werden würde, war von Prozessbeginn an klar. Vor allem die Eltern der Opfer, die als Nebenkläger auftraten, haben sich in ihrem Schmerz verschanzt. Was auch den Blick trüben kann. So beklagten sie etwa, der Angeklagte zeige keinerlei Reue – de facto aber sieht man selbst vor Gericht nur sehr selten einen Menschen, der so offensichtlich von Schuldgefühlen zerfressen wird wie B.

Emotionaler Prozess nach tödlichem Unfall in Hofheim (Main-Taunus-Kreis)

Täter und Angehörige der Opfer trennt mittlerweile eine unüberwindbare Kluft der Sprachlosigkeit. Das wird auch beim letzten Wort des Angeklagten überdeutlich. Nach den Plädoyers von Staatsanwalt, den Anwälten der Nebenkläger und seines Verteidigers will B. noch einmal das Wort an die Eltern seiner toten Freunde richten. Er kommt nicht weit. „Es tut mir leid…“, beginnt er seine Rede, da wirft sich die Mutter eines Opfers in der ersten Reihe auf den Boden und beginnt zu schreien. „Mein Sohn!“, ruft sie bis ihr die Luft wegbleibt und sie kollabiert.

Blick auf die Fassade des Land- und Amtsgerichtes in Frankfurt. (Archivbild)

Ein Notarzt wird gerufen, der Prozess unterbrochen, der Saal geräumt. Alles ist in heller Aufregung. Nur B. sitzt wie vom Schlag getroffen auf der Anklagebank und starrt zu Boden, als wünsche er sich nichts sehnlicher, dass der sich auftue und ihn verschlinge. Als der Prozess eine halbe Stunde später fortgesetzt wird, sitzt er immer noch so da.

Unfall mit drei Toten in Hofheim: „Es gab ein Leben davor – und es gibt ein Überleben danach“

Der Unfall hat alle gezeichnet. Der Vater eines Unfallopfers hat es in einem Satz auf den Punkt gebracht: „Es gab ein Leben davor – und es gibt ein Überleben danach.“ Ein anderer Vater hat sich in eine Psychiatrie nach Hamburg geflüchtet, weil er es nicht schaffte, sich vom Grab seines Sohnes zu lösen und drauf und dran war, auf dem Friedhof zu übernachten. Und wieder ein anderer Vater war am ersten Prozesstag mit den Worten „Du hast meinen Sohn umgebracht!“ in einer Verhandlungspause auf B. losgegangen, daraufhin vom Prozess ausgeschlossen und erst auf persönliche Fürbitte B.s wieder zugelassen worden.

Benjamin B.s früher großer Freundeskreis ist auf ein Minimum geschrumpft. Ein Jahr lang hat er die Schule nicht besucht, er hat sich aus sämtlichen sozialen Medien zurückgezogen, er hat Depressionen, er fürchtet die Reaktion der Menschen, wenn sie ihn sehen. „Er wird damit leben müssen, den Unfall überlebt zu haben“, sagt sein Verteidiger. Als B. sein letztes Wort doch noch beenden kann, nutzt er es, um an seine toten Freunde zu erinnern. Wer sie waren, was sie gemeinsam machten, was sie für ihn bedeuteten. Sein letzter Satz beschreibt das, was wohl alle Beteiligten im Saal fühlen: „Ich vermisse sie und werde sie nie vergessen.“ (Stefan Behr)

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