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Mit dem Tango aus der Depression

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Probe im privaten Wohnzimmer: „Seelenbalsam“ nennt sich die Selbsthilfegruppe um Hans-Jürgen Wittek (3. von links) und Eva Martin (rechts).
Probe im privaten Wohnzimmer: „Seelenbalsam“ nennt sich die Selbsthilfegruppe um Hans-Jürgen Wittek (3. von links) und Eva Martin (rechts). schmidt © Schmidt

Selbsthilfegruppe „Seelenbalsam“ für psychisch Erkrankte setzt auf Wirkung der Musik

Hofheim - Schon der Name dieser Selbsthilfegruppe spricht an: „Seelenbalsam“ haben die Frauen und Männer sie genannt, die regelmäßig bei einem Mitglied der Gruppe zusammenkommen. Für die Mitglieder das Wichtigste dabei ist nicht das gemeinsame Gespräch, das es genauso gibt wie ein gemeinsames Kochen und Essen. Was sie am stärksten als Seelenbalsam empfinden, das ist die Musik, die sie machen.

Alle in der Gruppe haben eine psychische Erkrankung. Jeder fünfte Mensch in Deutschland, sagt die Statistik, ist davon im Laufe seines Lebens einmal betroffen. In Kliniken seien Musik- oder Kunsttherapie längst etabliert, sagt Hans-Jürgen Wittek, der nicht nur bei „Seelenbalsam“ dabei ist, sondern sich auch im Landesverband Psychiatrieerfahrener engagiert. „Seelenbalsam“ setzt sich dafür ein, dass gerade die Musik, aber auch alle anderen künstlerischen Ausdrucksweisen im ambulanten Bereich ebenfalls als Therapieform anerkannt werden. „Wir machen hier nicht nur etwas gemeinsam, wir haben auch einen politischen Anspruch“, erläutert Eva Martin.

Wolfgang Biersack gibt den Ton an

„Über Musik, Kunst, das Kreative, wird vieles besser zum Ausdruck gebracht als über die Sprache“. Hans-Jürgen Wittek sagt das aus eigener Erfahrung. Der Tango Argentino habe es geschafft, ihn aus einer Depression herauszubringen, erzählt er. Die anderen in der Gruppe können da nur zustimmen. „Es gibt hier in Marxheim noch eine Gruppe, wo man sich aussprechen kann“, weist einer auf das „Nachtcafé“ in den Räumen des Stadtteiltreffs von „Wir in Marxheim“ hin. Das sei auch gut, aber gemeinsam zu Musizieren, das habe doch noch eine andere Wirkung, sagt der Mann.

„Es macht mir Riesenspaß“, stellt auch Wolfgang Biersack fest. Er habe etwas gesucht, wo er sozial tätig werden könne, meint der Musiker. Eine Stunde in der Woche gehe er mit dem Akkordeon ins Krankenhaus. Den Singkreis der Seniorennachbarschaftshilfe begleitet Biersack zudem. Und auch bei „Seelenbalsam“ gibt er sozusagen den Ton an.

Leonard Cohens „Hallelujah“ hat sich die Gruppe an diesem Nachmittag vorgenommen. Matthias Semmel stimmt die Gitarrensaiten, Eva Martin schnappt sich die Bassgitarre. Wittek greift zu einem Tamburin, zwei Sängerinnen studieren Text und Noten. Biersack gibt die Akkorde vor, die ersten Takte erklingen. Gut zu spüren: Alle sind ganz bei der Sache, auch wenn es Diskussionen gibt, ob das A beim Bass nun zu hoch oder doch ein bisschen zu tief ist. Man wird sich einig, und dann heißt es: Noch einmal von vorn. „Baby I’ve been here before I’ve seen this room . . .“, klingt es erst noch etwas verhalten durch das Wohnzimmer, dann folgt ein gefühlvolles „Hallelujah“. Das kann sich schon hören lassen.

Auf dem Hofheimer Adventsmarkt seien sie dabei gewesen, berichtet Eva Martin vom ersten öffentlichen Auftritt für „Seelenbalsam“. Fördermittel aus dem Hessischen Sozialministerium hätten den Kauf einiger Instrumente und eines Verstärkers ermöglicht, sagt Hans-Jürgen Wittek. Doch er und seine Mitstreiter wollen mehr. „Sich vernetzen, eine politische Kraft entfalten, damit es in die richtige Richtung geht“, umreißt Eva Martin den Weg, auf dem sie eine finanzielle Unterstützung unter anderem für Musikstunden erreichen wollen. Die sollten dann aber auch inklusiv sein, betont Martin. Zuschüsse für Musikschulangebote etwa fände sie gut. So könnten Erkrankte, denen Musik helfe, lernen, das eigene musikalische Talent besser zu entfalten, und so auch die Musik als therapeutisches Mittel besser nutzen.

Einige Seminare, „auch mit Tanz“ habe sie vor, sagt Martin, um verstärkt auf das Anliegen aufmerksam zu machen, musisch-kreative Therapieformen stärker zu fördern.

Ansprechpartner für mehr Informationen rund um das Thema ist Hans-Jürgen Wittek. Er ist per E-Mail unter hans-juergen.wittek@gmx.de erreichbar.

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