+
Diese Wand könnte sich bald mit noch mehr Anzeigen füllen.

Main-Taunus

Main-Taunus: Fachkräfte verzweifelt gesucht

  • schließen

Eine Studie prognostiziert für den Main-Taunus-Kreis, dass bis 2024 4.200 Fachleute fehlen. Auch davor seien bereits Engpässe zu erwarten.

Rund 120 Verwaltungsfachleute werden im Jahr 2024 in den zwölf Main-Taunus-Rathäusern fehlen. Die Besetzung eines mittleren Rathauses. Ein Beispiel nur, es gibt viele andere in vielen Berufsfeldern. „Da rollt etwas auf uns zu.“ So fasst der Sozialdezernent des Main-Taunus-Kreises Johannes Baron (FDP) die Ergebnisse einer Arbeitsmarktstudie zusammen, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Voraussichtlich 4200 Arbeitsplätze werden 2024 im dicht besiedelten, aber flächenkleinsten Landkreis Deutschlands nicht mit Fachkräften besetzt werden können. Sie werden in praktisch allen Branchen fehlen, prognostiziert die Studie „Regio pro“, erstellt im Auftrag des Wirtschaftsministeriums.

Johannes Baron stellt die Ergebnisse im Ausstellungsraum der Schreinerei Peter Fuchs in der Niederhofheimer Straße vor. Ein alteingesessener Betrieb, 1934 gegründet, heute ist Schreinermeister Martin Schuchardt Inhaber, seit Lehrbeginn 1985 gehört er zur Firma. Hat die Entwicklung miterlebt, mitgestaltet. Vieles ist dazugekommen, über das sich ein Schreiner vor 50 Jahren noch wenig Gedanken machen musste. Vertrieb und Montage von Rollladen und Markisen mit Steuereinheiten, Schallschutz, Wärmeschutz, Antriebstechnik für modernen Luxus im „Smart Home“. Martin Schuchardt braucht heute Handwerker und „Kopfwerker“. Aber, und das ist die Crux, „Fachkräfte mit dem nötigen extrem hohen Know-how fehlen“.

Es fehlt an Nachfolgern

Und der Obermeister der Innung spricht nicht nur für seinen Betrieb. Wie dramatisch die „Arbeitskraftlücke“ größer wird, verdeutlicht ein horizontales Balkendiagramm, das die Berufssparten von der Altenpflege bis zum am stärksten betroffenen Bereich Büro und Sekretariat auflistet. Das Jahr 2024 markiert den Zeitpunkt, an dem der geburtenstärkste Jahrgang 1964 das Rentenalter erreicht. „Es fehlt an Nachfolgern, es sind sehr viele, die langsam wegbrechen“, sagt Martin Schuchardt für seine Branche. Gleichzeitig sinke die Bereitschaft, „Verantwortung zu übernehmen, die Bereitschaft zum 50-und-mehr-Stunden-Job“. Ausgebildete Tischler zwischen 20 und 30 Jahren finde man nicht am regionalen Markt, will man sie von weiter weg in den Main-Taunus-Kreis locken, fehle es an bezahlbarem Wohnraum. Eine politische Herausforderung in den Kommunen, die das Problem des Fachkräftemangels verstärkt.

Die jüngste Bevölkerungsstatistik aus dem Jahr 2018 weist im Main-Taunus-Kreis rund 238 000 Einwohner in zwölf Kommunen aus. Bis 2030 wird eine Zunahme um etwa neun Prozent erwartet, bezahlbarer Wohnraum fehlt. 


Mit 85,5 Prozent arbeitet ein sehr hoher Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Die Gehälter liegen in allen Gruppen über dem Landesdurchschnitt.

Die Beschäftigungsquote lag im vergangenen Jahr bei 62,8 Prozent und damit 3,5 Prozentpunkte über dem hessischen Durchschnitt. 

Mitte 2018 wurden 6657 Betriebe im Main-Taunus-Kreis geführt. jüs

Nicht erst 2024, schon in näherer Zukunft seien „bedeutsame Engpässe“ zu erwarten, schreibt das Amt für Arbeit und Soziales in einem knapp 30-seitigen Papier zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktstrategie. Sie soll helfen, den Trend aufzuhalten. „Der Kreis muss mit allen Akteuren auf dem Arbeitsmarkt erhebliche Anstrengungen unternehmen, um gegenzusteuern“, fordert Sozialdezernent Baron. Betriebe, Kammern, Vertretungen der Arbeitnehmer, Schulen und Kommunalverwaltungen müssten gemeinsam Projekte auflegen.

Stichworte sind die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen, verstärkter Sprachunterricht für Flüchtlinge, die auch nach Jahren noch schwer integrierbar in den Arbeitsmarkt mit gewachsenen Anforderungen sind, Zusammenarbeit mit Schulen und Hochschulen, um verstärkt für ein duales Studium zu werben. Gymnasiasten, heißt es, müssten motiviert werden, statt eines Studiums eine duale Ausbildung anzuschließen, kein Schulabgang ohne Abschluss müsste oberste Devise sein. Mit Blick auf das Handwerk sieht Schreinermeister Martin Schuchardt es als Pflichtaufgabe von Kindergärten und Grundschulen, Begabung dafür schon in frühen Jahren zu fördern und herauszufiltern.

Konkrete Maßnahmen sind im Strategiepapier „Handlungsfeld: Nachhaltig aufgestellte Betriebe“ noch nicht formuliert, eher Absichtserklärungen. Denkbar sei etwa eine Unterstützung der Mitarbeiter bei den hohen Wohnkosten im Landkreis, eine Stärkung der Gesundheitsvorsorge in den Betrieben, Sensibilisierung für kontinuierliche Weiterbildung, Integration von Zugewanderten, Hilfen bei der Sicherung von Betriebsnachfolgen. Eine neue Stelle hat der Kreis im eigenen Haus eingerichtet, um neue Möglichkeiten für vereinfachte Zuwanderung von Fachkräften zu prüfen und zu nutzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare