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Hofheim feiert dieses Jahr beim Gallusmarkt 666 Jahre Marktrechte.

Hofheim

666 Jahre Marktrechte

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Großer Ansturm auf den Gallusmarkt - aber in diesem Jahr gibt es auch wirklich was zu feiern.

Die Linsensuppe mit „aphrodisierenden Gewürzen“ für vier Taler findet reißenden Absatz. Gutes Marketing ist die halbe Miete, das weiß der Mittelalter-Marktmann, der auch noch Hexenfladen mit Zauberkräutern im Angebot hat. Die Hofheimer Geschäftsleute des 21. Jahrhunderts im Umfeld wissen das auch, sie bieten „Gallusmarkt-Rabatte“ bis zu 25 Prozent „auf alles“.

Im Herbst muss der Laden geräumt werden für die neue Saison. Früher haben sich die Menschen beim Gallusmarkt für den kommenden Winter eingedeckt, heute geht es beim Thema Essen eher um die direkte körperliche Einlagerung mit kurzer Halbwertzeit. Und beim Streunen über das Marktgelände mehr um die Lust an Bummel und Belustigung als um Bunkern für den Winter.

Der Krammarkt ist so ein Relikt aus der Zeit, als die Leute nach der Ernte vom Land in die Stadt kamen. Er gehört auch heute noch dazu, wenn die Besucher im Weindorf und im Vergnügungszentrum auf dem Kellereiplatz, im Altstadtkern mit Kunsthandwerkermarkt und auf dem Tivertonplatz mit Mittelaltermarkt in Zehntausenden gezählt werden. Tradition verpflichtet, auch im 666. Jahr seit der Verleihung der Stadtrechte an Hobeheim, wie das heutige Hofheim 1352 noch hieß.

Wann der Wandermönch und Missionar Gallus durchs Dorf kam, ist nicht ganz klar, wohl aber, dass er zum Heiligen wurde und man für ihn den 16. Oktober als Gedenktag reserviert hat. Seit 1812 wird der nach ihm benannte Gallusmarkt stets am Wochenende nach dem 16. Oktober gefeiert, inzwischen fünf Tage lang von Freitag bis Dienstag. Die Krämer und die Kunsthandwerker sind längst weitergezogen, das Mittelalter ist andernorts in Werbemission unterwegs und das Weindorf bereits seit Montagabend geschlossen, wenn die letzten Lichter am letzten Tag im Vergnügungspark ausgehen.

Am Samstagnachmittag aber, bei herrlichem Sonnenschein und besten Trinktemperaturen, ist bei flotter Blasmusik im Weindorf reichlich Betrieb auf dem Platz und in gemütlichen Holzfässern, in denen sich der Gallusmarkt-Jubiläumswein verkosten lässt. Riesling, Kabinett mild, 9,5 Prozent Alkohol, 0,1 Liter für zwei Euro. Die Flasche kann man zur Erinnerung für 15 Euro mitnehmen. Im Weindorf schaut die Bürgermeisterin, die keine Bürgermeisterin mehr sein will, auch „in echt“ mal kurz vorbei, begrüßt die Hofheimer Getreuen und wünscht einen angenehmen Gallusmarkt. Ansonsten lächelt Gisela Stang (SPD) überall auf den Landtagswahlplakaten und verkündet ihr Motto für ihr erhofftes neues Leben als Ministerin in der Landeshauptstadt: „Zukunft jetzt machen“.

Die Garten- und Gemüsefrau am Rand des Krammarkts mit ihren Unmengen Körben voll Blumenzwiebeln und anderem Saatgut denkt Zukunft kurzfristig. Wie in den alten Tagen. „Jetzt wird’s Herbst. Und es wird kalt“, sagt sie mit Blick zum Himmel. „Die wissen das.“ Die da oben, das sind unzählige Kraniche, die am Nachmittag in V-Formationen mit Geschrei in Richtung untergehende Sonne fliegen. Am kommenden Wahlsonntag hofft auch die Bürgermeisterin auf den perfekten Abflug.

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