Behinderte und nicht behinderte Kinder werden im Kinderhaus gemeinsam betreut.
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Behinderte und nicht behinderte Kinder werden im Kinderhaus gemeinsam betreut.

Hofheim Behinderte

Inklusion von Anfang an

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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Der Sozialtherapeutische Drehpunkt setzt sich für die gemeinsame Betreuung von behinderten und nichtbehinderten Kindern ein. Er feiert am Samstag sein 30-jähriges Bestehen mit einem Sommerfest.

Der Sozialtherapeutische Drehpunkt setzt sich für die gemeinsame Betreuung von behinderten und nichtbehinderten Kindern ein. Er feiert am Samstag sein 30-jähriges Bestehen mit einem Sommerfest.

Rückblende ins Jahr 1983: Wolfgang Freydank und 50 engagierte Bürger, darunter viele Pädagogen und Therapeuten, gründen den Verein Drehpunkt. Sie wollen eine integrativ arbeitende Kindertagesstätte einrichten und einen ambulanten Dienst. Seine Schwester Jutta sei die Impulsgeberin für das Projekt gewesen, sagt Freydank. Sie hatte ein ähnliches Projekt in Berlin kennengelernt. Ihre Idee fiel in Hofheim auf fruchtbaren Boden.

„Wir waren damals exotisch, sehr exotisch“, sagt Wolfgang Freydank, der von Beruf Lehrer ist und in den 1980er Jahren keine Anstellung fand. Von Integration, gar Inklusion sei im Main-Taunus-Kreis vor 30 Jahren noch längst nicht die Rede gewesen. Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zu betreuen, war damals vollkommen neu. Das Kinderhaus des Drehpunktes sei außerdem die erste nicht konfessionelle Betreuungseinrichtung in der Kreisstadt gewesen.

2013 ist das Kinderhaus in dem Gebäude mit der blauen Holzfassade im Chattenweg ein Dienstleistungsbetrieb wie jede andere Hofheimer Kita auch. In zwei Gruppen werden 22 nichtbehinderte und acht behinderte Kinder zwischen ein und sechs Jahren gemeinsam betreut. Der Drehpunkt bekommt Geld von der Stadt. Arbeitsbereiche, die in den letzten Jahren dazugekommen sind, wie die Integrationshilfe für Schüler, die besondere Förderung brauchen, die Familienhilfe oder der ambulante Dienst, werden über den Kreis, die Pflege- und die Krankenkassen finanziert. 130 Mitarbeiter und viele freiwillige Helfer halten den Betrieb am Laufen. Der Landeswohlfahrtsverband, der in den ersten Jahren stets bereits war, etwaige Defizite des gemeinnützig arbeitenden Vereines zu decken, ist Mitte der 1990er Jahre ausgestiegen. Nur noch Integrationspauschalen gebe es, sagt Freydank. „Irgendwie sind wird trotzdem immer über die Runden gekommen.“

Ein Projekt hat der Drehpunkt in den 1980er Jahren gestartet, zwischenzeitlich aber wieder aufgegeben. Die integrative Krabbelgruppe sei schlichtweg zu teuer gekommen, sagt Freydank. „Wir haben von der Stadt Hofheim Geld gefordert, sogar Klage eingereicht, aber leider verloren.“

Besser lief die Finanzierung für ein Projekt, das erst vor kurzem angepackt wurde. Eine inklusive Wohngemeinschaft für behinderte und nicht behinderte Menschen wird zurzeit in der Bahnstraße in Marxheim gebaut, 2014 soll das Gebäude mit neun barrierefreien und rollstuhlgerechten Wohnplätzen fertig sein. Es wird vom Land über ein zinsgünstiges Darlehen und Kreditmittel der KfW-Bank gefördert. 220 000 Euro kommen von der Aktion Mensch.

Sind denn nun die Gräben zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zugeschüttet? Wolfgang Freydank zögert. „Na ja“, sagt er. „Es ist vieles besser geworden. Aber so konfliktfrei, wie das Verhältnis gerne gezeichnet wird, ist es nicht.“ Das Selbstverständnis, dass behinderte Menschen überall dabei sein können, fehle. „Sie müssen sich nur die Straßen ansehen, die Sie als Rollstuhlfahrer nicht ohne weiteres überqueren können“, sagt Freydank. Selbst im Drehpunkt-Kinderhaus gebe es immer wieder Eltern, die sich sorgten, dass ihre Kinder in integrativen Gruppen nicht ausreichend gefördert würden. „Die Menschen machen sich heute mehr Gedanken als noch vor 30 Jahren, gehen teilweise offener mit dem Thema Behinderung um. Aber wenn es im Alltag konkrete Probleme gibt, hakt‘s noch oft.“

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