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Mehr als 1500 Aquarelle hat Richard Zorn für sein Verzeichnis aller deutschen Kernobs Verlag Quelle und Meyer

Hofheim

Im Hofheimer Apfelgarten alten Sorten auf der Spur

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Der Hofheimer Richard Zorn hat in den 1930er Jahren Hunderte Sorten gemalt und beschrieben. Jetzt ist seine „Kernobstlehre für Deutschland“ als Buch erschienen.

Fast 50 Jahre lag das Hauptwerk des Hofheimer Apfelkundlers Richard Zorn mehr oder weniger unbeachtet in der Bibliothek der Hochschule Geisenheim. Keine der 123 Aquarelltafeln, auf denen Zorn Hunderte Apfelsorten im Detail gemalt hat, sowie die dazugehörigen Beschreibungen, akribisch von ihm in Sütterlinschrift verfasst, waren je veröffentlicht worden. Einzig Pomologen griffen hin und wieder darauf zurück, wenn sie nach seltenen Apfelsorten suchten. Und die Bibliothekare waren bemüht, Zorns fantasievolle Handschrift zu entziffern.

Diplombiologe Ulrich Kaiser, Hauptkustos am hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur in Wiesbaden, spricht von einem wahren „Schatz, der lange unentdeckt war“. Bei einer Pomologieausstellung im Jahr 2017 im Wiesbadener Museum zeigte Kaiser erstmals 20 der künstlerisch gestalteten Tafeln. „Danach war ich so begeistert, dass ich ein Buch daraus machen wollte“, erzählt er. Unter dem bereits von Richard Zorn gewählten Titel „Verzeichnis aller in Deutschland angebauten Kernobstsorten“ ist der Band jetzt erschienen – 720 Seiten dick und 3,2 Kilogramm schwer.

Fast alle der 1560 Aquarelle, die in dem Buch enthalten sind, hat Richard Zorn zwischen 1930 und 1934 gemalt. 700 Obstsorten hat er insgesamt beschrieben und jede mit Ansichts- und Querschnittszeichnungen versehen. Zorn war damals über 70 Jahre alt und lebte schon seit mehreren Jahrzehnten in Hofheim am Taunus. Er hatte Grundstücke auf dem Hochfeld und an der Hattersheimer Straße gekauft und als erster in Deutschland begonnen, edles Tafelobst für den Verkauf zu kultivieren: Äpfel wie der Marxheimer Streifling waren darunter, der Hofheimer Klarapfel und der Wildsächser Spitzapfel aber auch Birnen, Pflaumen, Aprikosen und Beeren. Das Obst gedieh gut am Südrand des Taunus und fand reißenden Absatz im nahen Frankfurt. Andere Bauern folgten Zorns Beispiel, die Tafelobstkulturen rund um Hofheim und Kriftel entstanden.

Richard Zorn (1860–1945) stammte aus Sachsen-Anhalt. Er machte eine Gärtnerlehre in Eisenach, studierte Pomologie in Reutlingen und besuchte unter anderem die renommierte Baumschule Späth in Berlin.

Nach Hofheim kam er 1884. Er kaufte 10,5 Hektar Land und begann als Erster in Deutschland, Tafelobst zu kultivieren.

Mitglied im Deutschen Pomologenverein war Richard Zorn seit seit 1885. Er initiierte die Gründung des Hofheimer Obst- und Gartenbauvereins und gehörte von 1926 an der neu gegründeten Ortsgruppe des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung an.

Zu seinen Publikationen gehören neben der Kernobstlehre für Deutschland das „Nassauische Trachtenbuch“ mit 1000 Abbildungen alter Trachten sowie das Buch „Grenzsteine des Rhein-Main-Gebiets“ mit Darstellungen von 760 Grenzsteinen in der Region. aro

1928 verkaufte Zorn den Großteil seiner Obstanlagen an die Stadt Hofheim und widmete sich fortan vor allem seiner „Kernobstlehre für Deutschland“. In Groß-Schierstedt in Sachsen-Anhalt geboren, hatte er als junger Mann eine Gärtnerlehre gemacht, später am pomologischen Institut in Reutlingen studiert, renommierte Baumschulen besucht und in Belgien, den Niederlanden, England und Frankreich das Zeichnen von Pflanzen gelernt. Im Maßstab 1:3 bildete er die Früchte auf seinen Aquarelltafeln ab und achtete dabei auf kleinste Details: Flecken, Punkte, Schattierungen der Schale sind präzise dargestellt, die unterschiedlichen Formen der Äpfel und Birnen sowie ihre offenen oder geschlossene Kelche. „Die Malereien haben fast Fotoqualität“, findet Ulrich Kaiser. „Es sind kleine Kunstwerke.“

Bei jeder Obstprobe hat Richard Zorn Bezugsquelle und Datum angegeben. Er ging auf dem Markt in Frankfurt einkaufen und in Obstgeschäften in der Region. Der Limburger Kreisobstbauinspektor übersandte ihm zahlreiche Proben, ebenso eine Baumschule aus Wiesbaden. Besonders häufig war Richard Zorn auf dem Höchster Markt, wo die Obstbauern damals mehr als 100 Apfelsorten anboten.

Am 2. Januar 1937 fand er dort an einem Stand den Hanauer Streifling. Er beschreibt den Apfel als „hochgebaut und eiwalzenförmig mit glatter, matt glänzender Schale, hellgelb, oft noch grünlich schimmernd, die Sonnenseite rot gesprenkelt und weitläufig blutrot gestreift.“ Das weiße Fleisch des Apfels sei „süßweinsäuerlich, mürbe und weich“. Andere Äpfel pflückte er selbst vom Baum und gab in der Beschreibung zum Aquarell den Flurnamen an, in der er die Sorte gefunden hatte oder den Namen des Gartenbesitzers.

Für Fachleute seien heute vor allem Zorns Darstellungen lokaler und regionaler Apfelsorten von besonderem Wert, sagt Ulrich Kaiser. Anhand der Aquarelle könnten seltene Sorten wiedergefunden werden. So habe man 2011 mehrere Aquarelle fotografiert und damit in lokalen Zeitungen im ländlichen Raum Suchanzeigen geschaltet. „Es kamen Rückmeldungen von Menschen, die einen Baum mit Äpfeln, die denen auf dem Bild ähnelten, auf ihrer Streuobstwiese stehen hatten oder in ihrem Garten.“

Nicht alle Informationen erwiesen sich als zutreffend. In einem Fall wurden die Forscher jedoch fündig: Die verschollen geglaubte Hofheimer Glanzreinette wurde wiederentdeckt. Richard Zorn hat sie in Band I seiner Kernobstlehre gemalt und als „wunderschön zartschalig, glänzend weißgelb bis zitronengelb mit freundlich rot gefärbter Sonnenseite“ beschrieben. 2021 soll die Hofheimer Glanzreinette zur Hessischen Lokalsorte des Jahres gekürt werden. Bis dahin wird die Apfelsorte veredelt und in einer lokalen Baumschule gezogen. In zwei Jahren kann man die jungen Apfelbäumchen dann für den eigenen Garten kaufen.

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