Heiko Stellmann muss den Laden seines Urgroßvaters in der Hofheimer Hauptstraße für immer schließen.
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Heiko Stellmann muss den Laden seines Urgroßvaters in der Hofheimer Hauptstraße für immer schließen.

Hofheim

Hofheim: Modehaus Jean Hammel schließt

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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122 Jahre war das Traditionsgeschäft Jean Hammel in der Hofheimer Hauptstraße im Familienbesitz. Wenn das Mode- und Wäschehaus Ende des Monats schließt, richten Einzelhändler erst mal ein Outlet in den Räumen ein.

Es war eine Entscheidung, über die Heiko und Simone Stellmann viele Nächte schlafen mussten. „Es fällt schwer, einen Laden aufzugeben, der mehr als 100 Jahre im Familienbesitz war und den mein Urgroßvater gegründet hat“, sagt Heiko Stellmann. Doch das Minus, das Monat für Monat auf dem Konto wuchs, und die Kredite, die sich anhäuften, ließen dem Ehepaar keine andere Wahl als die Schließung des Mode- und Wäschehauses Jean Hammel in der Hauptstraße 57 vorzubereiten. „Es sind einfach nicht mehr genug Kunden gekommen“, sagt Heiko Stellmann. Selbst ältere Menschen bestellten mittlerweile vieles im Internet. Die Markenhersteller, auf deren Qualitätsprodukte die Stellmanns bis zuletzt setzten, hätten alle Onlineshops und böten dort Rabatte an. „Da konnten wir nicht mithalten.“

Versuche, die geräumigen Ladenflächen im Erdgeschoss und im ersten Stock zu vermieten, misslangen. „Wir mussten die Reißleine ziehen und das gesamte Haus zum Verkauf anbieten“, sagt Heiko Stellmann. Dass die Hofheimer Wohnungsbaugesellschaft (HWB) die Immobilie in der Fußgängerzone kaufte, ist für den 50-Jährigen ein absoluter Glücksfall. Er hätte sich schwergetan, das Haus an einen Investor zu veräußern, sagt Stellmann. „Ich bin im Vorstand des Hofheimer Gewerbevereins. Dass womöglich ein Wettbüro oder noch ein Handyladen hier aufmacht, hätte ich vor meinen Kollegen nicht verantworten können.“

Die HWB, die mittlerweile nicht nur Wohnungen baut und vermietet, sondern zur Stadtentwicklungsgesellschaft für Hofheim geworden ist, will in Ruhe nach einem Nachmieter für die Gewerbeflächen suchen. Als Zwischenlösung ist die Eröffnung eines Outlets für Hofheimer Einzelhändler angekündigt. Von Mitte August an sollen Sportartikel, Schuhe, Bekleidung und Lederwaren im ehemaligen Modehaus zu Schnäppchenpreisen angeboten werden.

Erinnerungsstücke aus 122 Jahre Firmengeschichte. Auf dem gerahmten Foto ist rechts Modehaus-Gründer Jean Hammel zu sehen.

Bis 31. Juli läuft noch der Räumungsverkauf bei Jean Hammel. Mit dem Umsatz ist Heiko Stellmann zufrieden. Weil Fahnen vor dem Laden auf 30 Prozent Preisnachlass hinweisen, kommen Kunden zum Stöbern ins Geschäft, die er vorher nie gesehen hat. „Das ist schade, wir hätten womöglich weitermachen können, wenn das Interesse früher so groß gewesen wäre“, sagt der Geschäftsmann. Und er erzählt von Stammkunden, die zu Tränen gerührt im Laden stünden, weil sie die persönliche Beratung und den Service, den das Mode- und Wäschehaus bis zuletzt bot, vermissen werden.

Die letzten Tage im Hofheimer Traditionsgeschäft sind für Heiko Stellmann ein emotionales Auf und Ab. Nachdem das Obergeschoss ausgeräumt war, stand er Anfang der Woche vor einem Riesenberg Sperrmüll. „An der Einrichtung hingen viele Erinnerungen“, sagt er. Und lacht im nächsten Moment über die zehn Plastikbeine, die noch da waren, um Strümpfe im Schaufenster auszustellen. Beim Samstagabend-Shopping am vorigen Wochenende hatten sie reißenden Absatz gefunden.

Wie es für ihn selbst weitergeht, weiß Heiko Stellmann noch nicht. Der gelernte Einzelhandelskaufmann, der im Kaufhaus Schneider auf der Frankfurter Zeil seine Ausbildung absolviert, anschließend die Textilfachschule besucht und vor zehn Jahren das Mode- und Wäschehaus von seinen Eltern übernommen hat, wollte sich eigentlich als Abteilungsleiter in einem großen Kaufhaus in der Region bewerben. Corona hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Es wird nicht leicht werden, einen neuen Job zu finden,“ vermutet Stellmann. Resigniert klingt er nicht. Womöglich werde er erst mal eine berufliche Auszeit nehmen und sich um seine Familie kümmern, sagt er. „Die musste in der letzten Zeit arg zurückstecken.“

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