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Silvia Stengel (links) mit Flecko. Tochter Kiara hält Nachwuchshahn Flocke auf dem Arm.
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Silvia Stengel (links) mit Flecko. Tochter Kiara hält Nachwuchshahn Flocke auf dem Arm.

Hofheim

Hahn Flecko darf krähen

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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Das Höchster Amtsgericht hat die Klage eines Nachbarn abgewiesen, der den Hahnenschrei in Hofheim-Marxheim verbieten lassen wollte. Fleckos Halterin Silvia Stengel kämpft jetzt für eine bundesweite Regelung.

Jetzt hat es Silvia Stengel schwarz auf weiß: Ihr Hahn Flecko, den die Marxheimerin zusammen mit einer Schar Hennen im Garten ihres Fachwerkhauses in Hofheim-Marxheim hält, darf nach Herzenslust krähen, auch wenn es dem Nachbarn zwei Straßen weiter nicht gefällt.

Der Rentner war wegen des aus seiner Sicht unerträglichen Gockelschreis vor drei Jahren vor Gericht gezogen und hatte einen Gutachter beauftragt, um eine Lärmmessung durchzuführen. Der Termin mit dem Experten wurde im vergangenen Jahr wieder abgesagt, angeblich weil Flecko nicht mehr so laut krähte. Vor Weihnachten dann urteilte der Richter im Amtsgericht Frankfurt-Höchst: Es gibt keinen Grund, das Krähen in dem ländlich geprägten Hofheimer Stadtteil mit Hofreiten und landwirtschaftlichen Betrieben zu verbieten. Der Kläger habe die Behauptung „eines nicht hinnehmbaren Hahnenschreis“ nicht beweisen können.

Die Klage wurde abgewiesen, der Nachbar muss die gesamten Kosten des Rechtsstreits – mehrere Tausend Euro – tragen. Er hat keine Berufung eingelegt, deshalb ist das Urteil seit wenigen Tagen rechtskräftig.

Die Petition

Das Ziel der Petition von Silvia Stengel ist es, ortsübliche Emmissionen des Landlebens wie Hahnenkrähen oder Kirchgeläut als kuturelles Erbe zu schützen.

50 000 Unterschriften sind nötig, damit sich der Petitionsausschuss des Bundestages mit dem Thema befasst. 12 000 Menschen haben schon unterschrieben. www.openpetition.de.

Auf der Facebook-Seite „Wenn der Hahn kräht“ sammelt Silvia Stengel Rechtsgrundlagen, Gerichtsurteile und Vergleichsfälle zu dem Thema. aro

„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagte Silvia Stengel der Frankfurter Rundschau. Es sei für sie immer unvorstellbar gewesen, dass ein Hahn im landwirtschaftlich geprägtem Umfeld wie dem alten Ortskern von Marxheim nicht mehr krähen sollte. „Wenn nicht hier, wo denn dann?“ Ein kleiner Wermutstropfen ist für die 46-Jährige, die sich für die Freien Wähler im Ortsbeirat engagiert, die Tatsache, dass es sich „nur“ um ein Urteil mangels Beweisen handelt. „Besser wäre ein Urteil anhand einer Lärmmessung als Präzedenzfall gewesen“, findet Stengel. „Damit hätte man zeigen können, dass Hahnenkrähen im Mischgebiet in der Regel unwesentlicher Lärm und somit generell zu dulden ist.“

Silvia Stengel weiß, wovon sie spricht. Ehe sie sich auf den langwierigen Streit vor Gericht einließ, hat sie selbst zum Messgerät gegriffen und beim Krähen an Fleckos Schnabel einen Lärmpegel von 87 Dezibel festgestellt. 90 Dezibel seien von Gesetzes wegen zulässig, sagt sie.

Der Streit um den Hahnenschrei in Marxheim ist kein Einzelfall. Stengel berichtet von einem Gerichtsprozess in Offenbach, wo sich ein Anwohner von den laut krähenden Hähnen der Geflügelzüchter gestört gefühlt habe. Als eine Messung ergab, dass die zulässigen Lärmwerte nicht überschritten wurden, wurde die Klage zurückgezogen. Aktuell verfolgt die Marxheimerin einen Prozess im baden-württembergischen Diersburg. Dort habe das Gericht den Ort unterteilt – in ein Gebiet, in dem der Hahnenruf ortsüblich sei, und eines, in dem der letzte verbliebene Gockel zur Stallpflicht verurteilt worden sei. Die Halter hätten Berufung eingelegt. Der Fall liege jetzt beim zuständigen Landgericht.

Auch wenn sie Flecko, der jeden Morgen gegen 9 Uhr mit seinen zehn Hennen den Stall verlässt und bei Einbruch der Dunkelheit dorthin zurückkehrt, den Schnabel nicht mehr verbieten muss, will Silvia Stengel auch weiterhin für das Krähen der Hähne kämpfen. Sie hat eine Onlinepetition gestartet, um zu erreichen, dass ortsübliche Emissionen wie Hahnenkrähen und Kirchengeläut in dörflichen Wohngebieten als kulturelles Erbe bundesweit geschützt werden. Als Vorbild sieht sie Frankreich, wo bereits ein entsprechendes Gesetz auf den Weg gebracht worden sei.

Im Garten der Stengels in der Marxheimer Schulstraße soll jedenfalls munter weitergekräht werden – auch wenn Flecko, der bald ein stattliches Alter von vier Jahren erreicht, einmal nicht mehr ist. Im Juni 2020 sei Hahn Flocke aus einem Ei geschlüpft, das ihr ein Bauer aus der Nachbarschaft gegeben habe, erzählt Silvia Stengel. Die beiden Gockel vertrügen sich bislang prächtig. Und das dumpfe Krähen des Junghahns sei sogar etwas leiser als Fleckos Hahnenschrei.

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