+
Als Quereinsteigerin startete Gisela Stang 2001 ins Bürgermeisteramt, als Profi geht sie.

Hofheim

Gisela Stang nimmt Abschied vom Hofheimer Rathaus

  • schließen

Die Hofheimer Bürgermeisterin Gisela Stang hat am Donnerstag den letzten Arbeitstag. Die berufliche Zukunft der Sozialdemokratin ist offen.

Der Schreibtisch ist leer, auch in den Schränken liegen keine Akten mehr. Vieles von den Unterlagen, die sich in den letzten 18 Jahren in Gisela Stangs Amtszimmer im Hofheimer Rathaus angesammelt haben, ist im Reißwolf gelandet. Anderes, wie die ausführliche Dokumentation zur Entstehungsgeschichte des umstrittenen Chinon-Einkaufszentrums, hat sie dem Stadtarchiv übergeben. Wenn die 49-Jährige morgen ihren letzten Arbeitstag als Bürgermeisterin der Main-Taunus-Kreisstadt hat, wird sie kaum etwas mitnehmen. Einzig die Bilder, die in ihrem Büro hingen, die habe sie gekauft, erzählt sie, und ein paar sehr persönliche Abschiedsbriefe von Bürgern und politischen Mitstreitern eingepackt. Als letztes wird der „Fischogel“, eine Pappmaché-Figur der Hofheimer Künstlerin Heidi Werkmann, die Reise in Stangs Hofheimer Privatwohnung antreten. Dann kann Christian Vogt (CDU) in das Bürgermeisterzimmer einziehen. Seine Amtszeit beginnt am Freitag.

Gisela Stang hat sich aus freien Stücken entschieden, nicht für eine vierte Amtszeit als Verwaltungschefin zu kandidieren. „Demokratie lebt vom Wechsel“, sagt sie. „Ich war sehr gerne Bürgermeisterin in meiner Heimatstadt, aber jetzt ist es erst mal gut.“ Nach fast zwei Jahrezehnten, in denen sie sich nur selten eine Auszeit gönnte, nach 150 Stadtverordnetenversammlungen und 700 Magistratssitzungen wolle sie durchatmen, neue Kraft schöpfen, sich sortieren. Gisela Stang wird deshalb zunächst mit ihrem Partner Rüdeger Schlaga auf Reisen gehen. Erst Anfang nächsten Jahres will sie entscheiden, wie es für sie beruflich weitergeht.

Geplant war das so nicht. Als Stang Anfang 2018 ihren Abschied als Hofheimer Bürgermeisterin verkündete, gab sie zeitgleich ihre Kandidatur für den hessischen Landtag bekannt. Das schlechte Ergebnis der Sozialdemokraten bei der Wahl im vergangenen Herbst durchkreuzte jedoch ihre Pläne. Sie sei zwar auf der Liste die übernächste Nachrückerin für ein Landtagsmandat, sagt sie. „Aber ich richte mein Leben nicht danach aus.“

Überhaupt scheint Politik aktuell nicht die Hauptrolle in Gisela Stangs Leben zu spielen. Bei der Wahl von Nancy Faeser zur SPD-Landesvorsitzenden Anfang November werde sie nicht mehr für einen Vizeposten zur Verfügung stehen, kündigte sie im Gespräch mit der FR an. Ein Engagement in der Hofheimer SPD plane sie nicht. Und als Bürgermeisterin a.D. künftig die Parlamentssitzungen von der Zuschauerbank aus zu verfolgen? „Nein“, sagt Gisela Stang entrüstet. „Das kommt für mich nicht in Frage.“ Einzig ihr Kreistagsmandat will sie behalten.

Als sie mit 31 Jahren im April 2001 völlig unerwartet gegen den damaligen ersten Stadtrat Gerd Czunczeleit (CDU) gewann, war Gisela Stang die jüngste Bürgermeisterin Hessens. Gerade einmal 32 Stimmen gaben in der Stichwahl den Ausschlag.

In der Hofheimer Verwaltung startete sie als Quereinsteigerin. Nach ihrem Germanistik- und Wirtschaftsstudium war sie persönliche Referentin von Hessens Kultusministerin Christine Hohmann-Dennhardt, später wissenschaftliche Mitarbeiterin der SPD-Stadtverordneten-Fraktion in Wiesbaden. „Es war ein Lernprozess auf beiden Seiten“, erinnert sie sich. Ältere Amtsleiter hätten sich erst an die Zusammenarbeit mit ihr gewöhnen müssen. Am Ende leitete sie das „mittelständische Unternehmen“ Rathaus mit 350 Mitarbeitern mit viel Fingerspitzengefühl und im kooperativen Stil. Im Magistrat sei sie stets bemüht gewesen, einen breiten politischen Konsens zu finden, sagt Stang, „egal ob die Koalition mit mir oder gegen mich war.“

Gisela Stang hat in den fast zwei Jahrzehnten als Hofheimer Bürgermeisterin an großen Rädern gedreht: Auf der Agenda standen die Haushaltskonsolidierung, die Neugestaltung des Kellereiplatzes, der Bau des Chinon-Centers oder das Projekt Ländcheshalle in Wallau.

Vor allem im Gedächtnis bleiben werden ihr jedoch die Begegnungen mit Hofheimer Bürgerinnen und Bürgern, mit Flüchtlingen, die in der Stadt heimisch geworden sind und mit Menschen und Kommunalpolitikern aus den Partnerstädten. Mit zu den schönsten Momenten zählt sie die Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“ in Chinon anlässlich 60 Jahre Kriegsende. Musiker aus Hofheim und Frankreich wirkten daran mit.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare