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Franziskaner machen weiter

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Norbert Lammers (links) und Helmut Schlegel sorgen dafür, dass die franziskanische Tradition in Hofheim mit der Schließung des Exerzitienhauses nicht endet. knapp
Norbert Lammers (links) und Helmut Schlegel sorgen dafür, dass die franziskanische Tradition in Hofheim mit der Schließung des Exerzitienhauses nicht endet. knapp © Knapp

Ordensbrüder wollen Projekt aufbauen / Exerzitienhaus schließt

Hofheim - Doch so ganz ist diese Ära mit der Aufgabe des Exerzitienhauses nicht zu Ende. Die Franziskaner Norbert Lammers und Helmut Schlegel wollen im Marxheimer Maria-Droste-Haus ein „Projekt Geistlicher Ort“ realisieren.

Bald schließen sich die Türen des Exerzitienhauses. Der Franziskaner-Orden gibt diese Wirkungsstätte auf. Und doch geht die Geschichte der Franziskaner in Hofheim weiter. Denn Sie beide wollen hierbleiben. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Norbert Lammers: Bruder Helmut und ich arbeiten schon sehr lange und sehr gern hier. Diese Arbeit erscheint uns sinnvoll und macht uns Freude. Von daher war die Entscheidung zur Schließung des Exerzitienhauses für uns eine schwere Kost. Wir haben uns gefragt: Wäre es nicht etwas, wenn wir an einem Ort in der Nähe weitermachen könnten? Ich selbst bin schon länger in der geistlichen Begleitung der Schwestern vom Guten Hirten tätig.

Helmut Schlegel: Auch die Schwestern hatten den Blick nach hier und haben gefragt: Wie wird das? Sie haben ein großes Interesse, dort das geistliche Angebot auszubauen. Wir waren dann einmal gemeinsam dort und waren sehr angetan. Unsere Ordensprovinz hat gesagt, auch wenn wir das Haus aufgeben, ist uns die Exerzitienarbeit doch weiter wichtig. So haben wir auch dort offene Türen gefunden.

Ist Hofheim für Ihre Arbeit ein besonders gutes „Pflaster“?

Lammers: Hier und in der Region steckt unheimlich viel Potenzial. Es gibt viele suchende und fragende Menschen, die einen spirituellen Ort suchen.

Schlegel: Hinzu kommt, dass im Bistum Limburg und auch in Mainz Exerzitienhäuser aufgelöst wurden. Daher sehen wir schon einen Fall der Dringlichkeit.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Schlegel: Bei denen, die hierherkommen, war es ein Aufatmen, eine große Freude.

Was haben Sie denn im Haus vom Guten Hirten vor?

Schlegel: Geistliche Begleitung ist ein wesentlicher Punkt. Zudem können wir dort Tages- und Abendveranstaltungen anbieten.

Lammers: Wichtig ist noch die Gestaltung der Gottesdienste. Das ist etwas, was Menschen geschätzt haben. Weil es keine Übernachtungsmöglichkeiten dort gibt, wollen wir mit einer Familienpension zusammenarbeiten. So wären auch mehrtägige Exerzitien möglich. Oder Wanderexerzitien.

Für wen ist dieses Angebot gedacht?

Schlegel: Es wird offen sein für alle, die interessiert sind an einer Form des geistlichen Tuns.

ZUR PERSON

Helmut Schlegel (79) ist weit über die Grenzen des Rhein-Main-Gebiets hinaus bekannt als Priester, Meditationslehrer, Autor und Texter Neuer Geistlicher Lieder und Oratorien. Der gebürtige Oberschwabe hat nach einigen Jahren im Pfarrdienst von 1988 bis 1999 das Hofheimer Exerzitienhaus geleitet, war danach Provinzial in Fulda und von 2008 bis Ende 2018 Leiter des Zentrums für Meditation und Spiritualität des Bistums Limburg. Seither ist er wieder ganz in Hofheim tätig.

Norbert Lammers (60) ist seit 1984 Franziskaner. Der Emsländer ist Priester und erfahrener Exerzitienbegleiter. Seit 12 Jahren lebt er im Hofheimer Konvent und wirkte hier auch als Priesterseelsorger für das Bistum. babs

Was wird anders sein als im Exerzitienhaus?

Lammers: Wir werden das Angebot pointieren und profilieren müssen, dass nicht der Eindruck ist, dort oben entsteht ein kleines Exerzitienhaus. Das können wir gar nicht leisten.

Überall lesen wir von der Krise der Kirchen, aber auch von so etwas wie einer Glaubensverdunstung. Das Kreuz verschwindet zusehends aus dem Leben. Wie groß ist denn überhaupt noch die Sehnsucht, in der christlichen Religion nach Antworten auf Sinnfragen zu suchen?

Schlegel: Klar, die verfasste Kirche ist in einer tiefen Krise. Das hat nicht nur mit der Struktur- und Missbrauchskrise zu tun, sondern auch mit einem Verdunsten bisheriger Glaubens-Formen und -Äußerungen. Wir müssen uns als Kirche öffnen für neue Begegnungen und Formen.

Lammers: Auch ich erlebe, dass es durchaus noch eine Sehnsucht gibt nach Transzendenz und Sinn und auch nach religiösem Tun - aber in einer größeren Weite.

Was braucht es, um Menschen damit zu erreichen?

Schlegel: Es braucht erst einmal eine große menschliche Offenheit und keine Begegnungsängste. Dazu eine heutige, zugewandte Sprache, die das Geheimnis Gottes stehen lässt, aber Formen findet, die den Menschen zugänglich sind.

Lammers: Es braucht auch die Bereitschaft, Fragen auszuhalten und dass es nicht für alles sofort eine Antwort gibt.

Wie geht es Ihnen selbst damit, dass die Franziskaner sich von so vielen Orten und Aufgaben verabschieden müssen, weil die Brüder immer weniger und älter werden?

Lammers: Ich gehöre mit 60 noch zu den wenigen „Jungen“ in der Provinz. Zu spüren, es wächst nichts nach, und damit umzugehen lernen, das ist schon schwer. Den Orden in den bisherigen Strukturen kriegen wir nicht in die Zukunft. Die Frage ist, schaffen wir es, in diesem Vertrauen zu leben, dass es auf andere Art weitergehen kann. Mein eigenes Leben ist aber unabhängig von dieser Frage erfüllt und sinnvoll.

Würden Sie auch heute noch einmal die Lebensentscheidung für den Orden treffen?

Lammers: Unter heutigen Bedingungen hätte ich da große Fragezeichen. Schlegel: In den Orden, in den ich vor 60 Jahren eingetreten bin, würde ich vermutlich nicht mehr eintreten, der war damals dogmatisch und eng. Ich würde nach einer Form in Gemeinschaft gelebter franziskanischer Spiritualität suchen. Ich glaube, es wird neue Formen geben, aber dafür braucht es noch Zeit.

BARBARA SCHMIDT

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