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Im Stadtmuseum Hofheim ist die 1. Taunus-Kunst-Triennale zu sehen, hier „Killing Field II“, Tonsprengung gebrannt von Norbert Grimm. 

Hofheim

Die erste Taunus Kunst Trienale in Hofheim

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Die erste Triennale-Kunst zeigt aufregende Skulpturen und beängstigende Videos in Hofheim. 

Heute ist morgen schon wieder gestern. Wohl wahr und auch ganz klar, der „Blick auf heute“ könnte morgen schon wieder ganz anders aussehen. „Ein wildes Spielfeld“, dieser Blick auf die zeitgenössische Kunst, würde Amalie Wilke sagen. Individuell schauen, subjektiv wahrnehmen, der „Blick aus dem Bauch“, darauf kommt es der Kunsthistorikerin an. Die erste „Taunus Kunst Triennale“ im Stadtmuseum zu Hofheim will genau diesen Blick im positiven Sinne provozieren. Und Amalie Wilke will genau das aus den Besuchern herauskitzeln, die sie durch die Werkschau zeitgenössischer Künstler begleiten.

Sonntagmorgen im Museum, draußen Nieselregen am vierten Advent und Weihnachten plötzlich weit weg zwischen aufregenden Skulpturen, beängstigender Videoinstallation, Digitalität im scheinbar gemalten Bild und in Kunst verwobene Kinetik. Schön, wenn man dann mit Amalie Wilke durchs Museum streift. Die junge Kunsthistorikerin, die sich an der Universität auch intensiv mit Informatik und künstlicher Intelligenz beschäftigt, tritt nicht als Dozentin auf, die ihrem Gefolge die Kunstwelt erklären will.

Sie will keine Distanz, sie fordert Subjektivität aus Leidenschaft, es gibt kein falsch oder richtig in der Kunstbetrachtung, schon gar nicht in der Jetztzeit von Kunst, aber es gibt immer Emotion und manchmal völlig disparate Wahrnehmung, auf deren Feld man „wunderbar eine Debatte aufmachen kann“.

Die Ausstellung

Die „Taunus-Kunst-Triennale 1“ist noch bis Sonntag, 16. Februar 2020, zu sehen. Dann wird sie ab 16 Uhr mit Glühwein, Gebäck und Musik verabschiedet.

Amalie Wilke und Monika Öchsnerbieten bis dahin im Wechsel jeden Sonntag um 11.15 Uhr spannende Führungen durch die Ausstellung „Blick auf heute“ an.

„Blick auf heutein Zeiten des Selfie-Wahns“ ist eine Podiumsdiskussion am Donnerstag, 23. Januar, um 20 Uhr überschrieben. Es diskutieren Künstler, Galeristen und Kunstexperten mit Museumsleiterin Eva Scheid. jüs

Die Sonntagsführungen von Amalie Wilke, die sich mit ihrer Kollegin Monika Öchsner abwechselt, sind kleine Expeditionen durch die Welt von Künstlern aus dem Main-Taunus-Kreis, die in ihren Arbeiten einen „Blick auf heute“ werfen. Ganz nah dran am Heute und gleichzeitig der „Vergänglichkeit der Zukunft“, wie sie einen Zyklus ihrer aktuellen Werke nennt, ist Claudia Poeschmann mit ihrer Mischform aus gemaltem Bild und digitaler Bearbeitung. Gemalte QR-Codes auf Leinwand sind keine Tarnung, sie führen per Scan-App übers Handy auf die Website der Künstlerin und öffnen dort Varianten des Blicks auf die Gegenwart. Das Kunst-Spiel ist eröffnet, ein Smartphone hat fast jeder im Dutzend der Gruppe dabei. Amalie Wilke strahlt, die Debatte ist eröffnet.

Nur wer auf den Beipackzettel geschaut hat, weiß in diesem Moment, dass Claudia Poeschmann 71 Jahre alt ist. Im gleichen Raum der große Bronzekopf von Wanda Pratschke, geboren 1939 in Berlin. Seitlich liegend auf einer Art Palette, zeitlos schön. Assoziationen weckend, Dornenkrone oder Dornröschenschlaf, „eher weiblich auf jeden Fall“, finden die Damen unter den Kunstinteressierten. „Ich liebe diese Plastik“ sagt Amalie Wilke mal so aus dem Bauch heraus. Oh, da werden kurz die Regeln der Kunstbetrachtung im Museum verletzt, man muss vereinzelt diese Materialität der Figur „Traum II Kopf“ haptisch mit den Händen betrachten.

Das ist erlaubt bei Kai Wolfs kinetischen Objekten im surrealistischen Geist. Sein Zeitspiel eine Art Perpetuum mobile. Auf eine vertikale Holzoberfläche gestreute Eisenspäne formen sich, angetrieben von einem beweglichen Magneten, zu immer neuen Formen, Figuren, Insekten in ihrem kleinen Raum-und-Zeit-Kosmos. „Die Zeit ist das, was vergeht und zugleich als einziges unvergänglich ist“, sagt Kai Wolf. Zeit ist immer hier, jetzt, heute.

Ein Spiel mit Zeit, die Visualisierung von Zeit fängt den Besucher bereits im Foyer mit der Installation des Lorsbacher Künstlerpaars Mary Zischg und Ernst-Ludwig Kolt ein. Natürlich lässt Amalie Wilke den Zeit-Zug zu seiner einstündigen Reise hier abfahren. Man muss sich der emotionalen Öffnung beim „Blick auf heute“ verschreiben, wenn der Trip erhellend sein soll.

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