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Die digitale Simulation zeigt den Blick von Westen auf die steinzeitliche Siedlung auf dem Kapellenberg.

Hofheim

Dorf aus der Steinzeit

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Vor fast 6000 Jahren lebten Menschen auf dem Hofheimer Kapellenberg. In einer Computersimulation lassen Forscher die Siedlung der Michelsberger Kultur jetzt lebendig werden.

Jahrelang haben die Archäologen auf der Anhöhe nördlich der Kreisstadt Hofheim gegraben. Reste einer riesigen Wallanlage fanden sie auf dem Kapellenberg, Keramikscherben, Pfeilspitzen, Knochen und einmal sogar eine durchbohrte Steinperle.

Es sind allesamt Relikte der Michelsberger Kultur. In der Jungsteinzeit siedelten zwischen 3800 und 3600 vor Christus vermutlich mehrere Tausend Menschen auf dem heute dicht bewaldeten Plateau rund um den Meisterturm. Das Gelände war bebaut und wurde landwirtschaftlich genutzt. Funde von Getreidekörnern lassen auf Ackerbau schließen, Reste von Milchfett in den Keramikscherben legen die Vermutung nahe, dass die Steinzeitmenschen Viehherden hielten. Die Weiden für die Kühe entstanden durch Brandrodung der Wälder.

Nun gibt es erstmals eine digitale Rekonstruktion des jungsteinzeitlichen Dorfes auf dem Hausberg der Hofheimer. Angefertigt haben es Experten von Architectura Virtualis, einem Unternehmen, das mit der technischen Hochschule Darmstadt zusammenarbeitet. Als Grundlage für das Modell im Computer dienten die Vermessungsdaten des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie sowie die bisherigen Ausgrabungsergebnisse des vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum und der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität durchgeführten Forschungsprojektes Kapellenberg.

Die Rekonstruktion zeigt den Blick von Westen auf den Kapellenberg. Die Lichtsimulation entspricht einem Sonnenstand vormittags im Frühherbst, etwa im September. Zu sehen ist die historische Situation zwischen 3800 und 3700 vor Christus während der mittleren Ausbauphase des Walls. „Wir haben an jedem Detail lange gearbeitet“, berichtete Detlef Gronenborn vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum, der die Forschungen seit 2008 leitet. „Die Positionen der Häuser, ihre Höhe und der Baustil seien ebenso durch Ausgrabungsergebnisse belegt wie der Standort der Rinder, die auf der saftig grünen Weide grasen. Geschätzt ist lediglich die Bewaldung des Areals innerhalb der Wallanlage.

„Das Pompej der Steinzeit“, wie Gronenborn den Kapellenberg gerne nennt, wird damit erstmals im Bild sichtbar. Die 20 Hektar große Anlage ist für ihn einzigartig. Nirgendwo sonst in Europa gebe es ein derartiges Denkmal, sagt er. Der Kapellenberg füge sich ein in ein komplexes Siedlungsgeflecht der Michelsberger Kultur ein. Er lag an einem Fernwegenetz über das, so vermuten die Forscher, Salz aus Mitteldeutschland, aber auch kostbare Steinbeile aus alpiner Jade gehandelt wurden. Das steinzeitliche Dorf sei damit schon vor 6000 Jahren eine Art wirtschaftliche Drehscheibe zwischen West- und Mitteleuropa gewesen.

In diesem Jahr werden die Archäologen nicht auf dem Kapellenberg graben. Erst für 2019 sind wieder Forschungsarbeiten geplant – in bekannten Grabungsfeldern und im kleineren Umfang. „Wir wissen genug, um den Kapellenberg historisch einzuordnen“, sagt Gronenborn. „Wir wollen den Berg als Monument archäologisch ruhen lassen.“

Die breite Öffentlichkeit aber soll künftig mehr erfahren über die Siedlung der Michelsberger Kultur auf dem Hausberg der Hofheimer. Die Stadt werde in Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum eine archäologischen Rundweg mit Infotafeln und Stelen anlegen, kündigte Bürgermeisterin Gisela Stang (SPD) an. Auch die digitale Rekonstruktion wird dort zu sehen sein. Das Projekt ist in den Regionalpark Rhein-Main eingebunden und wird von der Stiftung Flughafen gefördert.

Das Logo des Weges zeigt die Silhouette des Kapellenberges und einen so genannten Tulpenbecher aus der Zeit um 3800 bis 3600 vor Christus. Der Hofheimer Hobbyarchäologe Rolf Kubon hatte dieses für die Michelsberger Kultur typische Gefäß bereits in den 1970er Jahren auf dem Kapellenberg entdeckt.

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