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Auf dem Weg zur „essbaren Stadt“

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Die inzwischen verstorbene Initiatorin, Helga Frinta, und ihre Mitstreiterin Carola Thiede (rechts) beim Pilotprojekt in Lorsbach.
Die inzwischen verstorbene Initiatorin, Helga Frinta, und ihre Mitstreiterin Carola Thiede (rechts) beim Pilotprojekt in Lorsbach. reuss © Maik Reuß

Stadtverordnete beauftragen einstimmig Verwaltung mit Suche nach Flächen für Gemüsebeete

Hofheim - Wenn aus Hofheim eine „essbare Stadt“ werden soll, dann hat das nichts damit zu tun, das Kellereigebäude aus Marzipan neu zu bauen, damit jeder nach Herzenslust daran knabbern kann. Vielmehr verbirgt sich hinter dem Begriff die Idee, in öffentlichen Grünanlagen Obst, Kräuter, Salat und Gemüse anzubauen und den Passanten zu erlauben, dort zu ernten. Befürworter verbinden weitreichende Ziele mit dem Konzept.

Es umzusetzen, das liegt nun beim Magistrat. Die Stadtverordnetenversammlung hat ihn nämlich einstimmig beauftragt, geeignete Flächen zu finden und das Konzept zu realisieren. Das Parlament verzichtet damit auf die sonst häufige Praxis, sich erst einmal ein Konzept vorlegen zu lassen, einschließlich einer Kostenschätzung. In diesem Fall hat die Verwaltung gleich den Auftrag bekommen, die Idee umzusetzen.

Vorreiter ist Andernach

Der Beschluss geht auf einen gemeinsamen Antrag von BfH, Linken, Grünen und SPD zurück. Die Antragsteller ermuntern den Magistrat ausdrücklich, Erfahrungsberichte aus anderen Kommunen auszuwerten; in Deutschland wird in der Regel Andernach als Vorreiter genannt. Auf Vorschlag der CDU wurde in den Beschluss aufgenommen, dass Flächen am Wasserschloss in das Projekt aufgenommen werden sollen - dass dort mehr Grün geschaffen werden soll, darüber sind sich ohnehin alle einig.

PILOTPROJEKT

Die „essbare Stadt“ , das ist auch in Hofheim kein ganz neues Konzept. In Lorsbach wurde es schon 2014 von den Lorsbachern Helga Frinta und Georg Pluta umgesetzt, vor allem in den städtischen Pflanzbeeten vor dem Gemeindezentrum in der Talstraße. Mit dabei war auch der damalige Lorsbacher Ortsvorsteher Erwin Zeitz. Ein halbes Dutzend ehrenamtliche Helfer kümmerten sich um die Beete, pflanzten Gemüse und Beerensträucher, zupften Unkräuter und sorgten dafür, dass die Pflanzen auch im Sommer nicht vertrockneten. Auch Kräuter wurden angebaut - neben Lorbeer und Minze auch exotischere Sorten wie Weinraute und Frauenmantel.

Die damalige Initiatorin Helga Frinta ist zwar im vergangenen Jahr verstorben. Nach Auskunft von Ortsvorsteher Dieter Kugelmann kümmern sich inzwischen aber andere Lorsbacher um die Pflanzbeete.

Der Platz vor dem Gemeindezentrum soll zwar umgestaltet werden, konkrete Pläne gibt es aber noch nicht. Nimmt der Magistrat den Auftrag der Stadtverordneten erst, dürfte es sicher aber auch künftig einen Platz für den „Lorsbacher Paradiesgarten“ geben. bt

Dass es funktionieren kann, das zeigt die Stadt Andernach seit vielen Jahren. Dort kümmern sich ausgebildete Gärtner um die städtischen Grünflächen, werden dabei aber von einem Verein unterstützt, der sich um Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose kümmert. Die Stadt vermarktet das Projekt auch touristisch und gibt zum Beispiel ein Faltblatt heraus, auf dem alle Standorte gezeigt werden.

Die Antragsteller begründen das Projekt sehr vielfältig. Es beginnt mit der Produktion von Lebensmitteln in der Stadt und der Unterstützung von Bewohnern, die für frische Lebensmittel nicht viel Geld ausgeben können. Biodiversität ist ebenfalls ein Thema - in Andernach zum Beispiel werden jährlich von einer Sorte zahlreiche Varianten gepflanzt - im vergangenen Jahr ging es zum Beispiel um den Kürbis.

Darüber hinaus können sich die öffentlichen Gemüsebeete als Treffpunkte etablieren - vor allem, wenn Flächen von Einwohnern bewirtschaftet werden, die sich für Gemüsezucht interessieren, aber keinen eigenen Garten haben. In Hattersheim wurde dieses Prinzip im Projekt „Essbare Siedlung“ umgesetzt. Es könne außerdem ein stärkeres Bewusstsein für die Herkunft von Lebensmitteln etwa bei Kindern geweckt werden, heißt es. Und preiswerter als die jährlich mehrfach wechselnde Bepflanzung von Beeten mit Blumen sei der Gemüseanbau ebenfalls.

Das Thema hat sich auch der Hofheimer Verein Youtopia auf die Fahnen geschrieben, der sich vor allem mit verschiedenen Projekten um Umweltbildung kümmert. Der Verein weist darauf hin, dass es in England, wo das Konzept ursprünglich entwickelt wurde, anfänglich viele Bedenken gab - von hohen Kosten bis zur drohenden Vernachlässigung der Flächen. Die Erfahrungen sind andere: „Einige Städte beschreiben einen deutlichen Rückgang von Vandalismus und Vermüllung der Grünflächen sowie eine Zunahme an positiver Identifizierung mit der Stadt“, schreibt die Youtopia-Autorin Katharina Kownatzki.

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