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Hölderlin auf Holz

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Von: Kerstin Klamroth

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Wolfgang Folmer bei Feinarbeiten an seinem dicht mit Hölderlinversen beschriebenen Pappelstamm.
Wolfgang Folmer bei Feinarbeiten an seinem dicht mit Hölderlinversen beschriebenen Pappelstamm. © Monika Müller

Bei der Finissage des Bildhauer-Symposiums am Sonntag, 17. Mai, präsentieren die Künstler ihre Werke. Ab 10 Uhr werden sie auf dem Betriebsgelände der Firma MB Baumdienste in Niederjosbach sein.

Der Duft der Sägespäne liegt in der Luft und weckt Erinnerungen an die Kindheit: an Abenteuer im Freien, den ersten selbst geschnitzten Wanderstock, die Zirkusvorstellung mit Popcorn und Clowns. „Seid gesegnet, goldne Kinderträume, ihr verbargt des Lebens Armut mir“, schrieb Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht „An die Natur“. Mit großen Schnörkeln hat Wolfgang Folmer die Verse in lateinischer Schrift auf einen Baumstamm geschrieben. Nun setzt er den Schlusspunkt hinter den letzten Satz und weiß: Fertig wird sein Kunstwerk nie sein.

Denn Holz, dass wissen die neun Künstler, die am 6. Bildhauer-Symposium in Eppstein teilnehmen, ist ein Stoff, der sich ständig verändert. Es verwittert, bekommt Risse, quillt auf. Manchen reizt gerade dies. Der Faktor Zeit ist Wolfgang Folmer wichtig. Die Pappel, deren Stamm er bearbeitet hat, wird schon zu Hölderlins Lebzeiten von 1770 bis 1843 am Wegesrand gestanden haben. „Ich will bewusst machen, wie stark sich die Welt in einem Baumleben verändert hat“, erklärt der Künstler, dessen Thema auch die anhaltende Entfremdung von der Natur ist.

Eine Woche lang hat sich das Betriebsgelände der Firma MB Baumdienste für die Künstler in ein Freiluftatelier verwandelt. „Man erfüllt uns hier alle Wünsche“, sagt die Künstlerin Astrid Müller, die aus Fichtenholz ein Fünfeck erstellt hat, das man auch begehen kann. Holzarbeiter Erwin, der heute 86 Jahre alt ist und schon als Lehrling bei der Firma MB angeheuert hatte, hilft bei der Bedienung der schweren Maschinen. Kettensägen und Kräne hat das Unternehmen den Künstlern zu Verfügung gestellt. MB Baumdienste fällt morsche Bäume an Straßenrändern, Autobahnen und Flussufern. Das Holz wird auf dem Firmengelände gelagert und später geschreddert.

„So große Stämme bekommt man sonst als Künstler nicht“, weiß Klaus Hack, der aus Eichenholz vier mannshohe Skulpturen geschaffen hat, darunter ein stehendes Labyrinth. Hack schätzt es besonders, sich bei dem Symposium ganz und gar auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Interessant findet er auch den Austausch mit den anderen Künstlern: „Jeder hat eine andere Herangehensweise und wir gehören auch unterschiedlichen Generationen an.“ Erstmals sind beim Holzbildhauer-Symposium Studenten dabei.

Das Künstler-Duo Sternmorgenstern zum Beispiel. Daniel Stern und Marcus Morgenstern studieren an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und beschäftigen sich mit Raumwahrnehmung. Beim Symposium haben sie sich vom Ort inspirieren lassen. Die geschredderten Baumabfälle packten beide in große weiße Säcke. Wie die nun aufgestellt werden, steht noch nicht fest: Morgenstern hat einen Skizzenblock vor sich, auf dem er die Ideen immer wieder festhält.

1997 wurde das Eppsteiner Holzbildhauer-Symposium „Zeitzeuge Holz“ von Arno Müller, einem Mitglied des Kulturkreises Eppstein, ins Leben gerufen. Seither treffen sich alle drei Jahre Künstler in Eppstein. Sie werden von einer Jury ausgewählt. Die Bewerbungen kamen diesmal aus 20 Ländern, 125 Künstler und 48 Künstlerinnen wollten teilnehmen. Die Veranstaltung finanziert sich durch Spenden und wird vom Kulturfonds Rhein-Main gefördert.

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