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Ein Hauch von Paris in Wallau

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Rund 100 Künstler zeigen bei den "Offenen Höfen" im alten Wallauer Ortskern ihre Werke. Auch der Regen nimmt den Besuchern nicht die gute Laune.

Gudrun Kaltenbach ist begeistert. "Hier sieht es ja aus wie in Paris", entfährt es der Besucherin der "Offenen Höfe in Wallau", als sie die Staffeleien mit Bildern erblickt, die im Innenhof des Rezepturhofes aufgestellt sind. Aber nicht nur dort, sondern im gesamten alten Wallauer Ortskern gab es gestern überall leuchtende Gemälde, interessante Skulpturen, Kunst und Kunsthandwerkliches zu sehen. Zum dritten Mal wurden die Gassen der Altstadt am Sonntag zur Flaniermeile, und die Bewohner der zahlreichen alten Höfe öffneten ihre Türen - nicht nur als stimmungsvolle Ausstellungsfläche für Bilder.

Denn der Tag der offenen Höfe ist auch Gelegenheit zu einer Reise in die Zeit, als die Gebäude noch ihrer ursprünglichen Bestimmung dienten. Um an die Geschichte der Landwirtschaft im Dorf zu erinnern, hatte der Heimat- und Geschichtsverein Wanaloha alte Ackergeräte aufgestellt und an den Häusern Schilder mit Informationen, etwa zu ihrem Alter, angebracht. "Vor allem die jungen Leute sollen sehen, was es früher gab", findet Doris Kaiser. In ihrem Hof findet sich ein Kreuzgewölbe, das italienische Arbeiter 1747 errichtet haben. Gern lässt die ehemalige Antiquitätenhändlerin, die am Haus einen Flohmarktstand aufgebaut hat, alle einen Blick in den Raum mit dem Gewölbe werfen.

Und auch Heide Khatschaturian, die ihre Werke gleich im ersten Hof am Eingang zum Ortskern ausgestellt hatte, bezieht sich mit ihrer Arbeit auf Altes und Vergangenes. Die Künstlerin verwendet für ihre Skulpturen und Bildobjekte Dinge, die sie "nicht gesucht, aber trotzdem gefunden hat", wie sie sagt. Das können Holzlatten vom Schrottplatz ebenso sein wie ein großes rostiges Messer oder eine ausrangierte Druckplatte.

Keinesfalls ausrangiert werden alte Druckplatten von den Herren, die in einem Hof in der Herrnhäuser Straße eine historische Druckmaschine, genauer gesagt eine Stoppzylinderpresse aus dem Jahr 1933, aufgebaut haben. Schriftsetzer Heinz Noack steht am Setzkasten und greift mit geübter Hand Bleilettern heraus, Anton Baumann bedient die Presse. Beide haben, als es für den Satz noch keine Computer gab, in einer Druckerei gearbeitet. Gemeinsam mit anderen Arbeitskollegen haben sie alte Druckutensilien gesammelt, um demonstrieren zu können, wie das Handwerk früher aussah.

Über 100 Maler, Kunsthandwerker und Musiker haben sich an den dritten "Offenen Höfen" beteiligt; in 75 Höfen gab es Ausstellungen, Mitmach-Aktionen für Kinder und Erwachsene und natürlich Bewirtung. Das etwas regnerische Wetter konnte Künstlern und Besuchern den Spaß an der besonderen Atmosphäre dieses Stadtfestes der anderen Art nicht verderben. Denn vor der Nässe von oben konnte man sich ja in einem der Höfe in Sicherheit bringen und dabei vielleicht einen Künstler entdecken, den man sonst übersehen hätte. (jöh)

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