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Über dem Eingang hängt eine Replik des originalen Wirtshausschildes.

Hattersheim

Wirtshaus mit Gästebuch im Fenster

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Der Nassauer Hof ist 200 Jahre alt. Zum Festwochenende wird die Geschichte des denkmalgeschützten Gebäudeensembles lebendig.

Gärtner schneiden die Rosenstöcke rund um den Nassauer Hof und zupfen das Unkraut aus den Blumenrabatten. Ein Laubbläser weht lautstark trockene Blätter vom Bürgersteig. Alles soll schön werden für das große Fest am kommenden Wochenende, bei dem das 200-Jahr-Jubiläum der einstmals „beliebtesten Verkehrswirtschaft zwischen Frankfurt und Mainz“ gefeiert wird.

Das schwarze Wirtshausschild des Nassauer Hofes ist bis heute erhalten geblieben. Eine Replik mit dem verschnörkelten goldenen Schriftzug prangt seit einiger Zeit wieder über dem Eingang der Gaststätte, in der jetzt die Gastronomenfamilie Sosic gutbürgerliche hessische Küche kredenzt, aber auch so manches Schmankerl aus ihrer Heimat Kroatien.

Längst ist der klassizistische zweigeschossigen Putzbau mit den grauen Klappläden, der die Ecke Mainzer Landstraße/Sarceller Straße dominiert, nicht mehr nur Wirtshaus. Seit 2016 sind im südwestlichen Teil des Vierkant-ensembles Büros der Hattersheimer Stadtverwaltung untergebracht. Bürgermeister Klaus Schindling (CDU) hat dort seinen Amtssitz, auch die Ordnungsbehörde und das Standesamt sind im Nassauer Hof untergebracht. Ebenso das Steueramt und die Stadtkasse, deren Mitarbeiter in einer der früheren Pferdestallungen des historischen Wirtshauses ihre Schreibtische haben.

Sein Entstehen als Ort zum Einkehren und Übernachten verdankte der Nassauer Hof zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Thurn und Taxis’schen Poststation in Hattersheim, die eine der ertragreichsten im gesamten Deutschen Reich war. Sie lag an einer wichtigen Handelsstraße zwischen Frankfurt und Mainz. Ende des 18. Jahrhunderts sollen jährlich 72 000 Pferde die alte Reichsstraße passiert haben. Bis zu drei Mal täglich verkehrte die Post auf er Strecke. In Hattersheim wurden die Pferde gewechselt. Der Bau des Gasthauses in den Jahren 1817/18 war eine logische Konsequenz.

Etwa dreißig Jahre lang war der Nassauer Hof nach seiner Erbauung Gaststätte – mit einer Bierstube für die Kutscher und einer Weinstube für die vornehmen Herrschaften. Es gab Gästezimmer im ersten Stock, ein Wohnhaus und Pferdeställe.

Wer etwas auf sich hielt, verewigte sich im „Gästebuch“ des Nassauer Hofes. Dafür war allerdings ein Diamantring vonnöten. Denn die Notizen der weitgereisten Gästeschar wurden in die Fensterscheiben der Gaststube eingeritzt. „In diesem Haus gab’s guten Schmaus“, ist da etwa zu lesen und „Hier ist gut sein bei Lieb und Wein.“ Die Originalfenster sind noch erhalten und können in der Gaststube des Restaurants bewundert werden.

Der Bau der Eisenbahnstrecke zwischen Frankfurt und Wiesbaden Mitte des 19. Jahrhunderts bereitet dem florierenden Gaststättenbetrieb ein jähes Ende. Der Nassauer Hof wurde fortan landwirtschaftlich genutzt und nach seinen Besitzern „Schlockerhof“ genannt.

2004 machte der Nassauer Hof erneut Schlagzeilen. Die Stadt Hattersheim erhielt für die „vorbildliche Sanierung“ der historischen Anlage den Denkmalschutzpreis des Landes Hessen. Bereits 1986 hatte die Kommune den Nassauer Hof gekauft und so womöglich vor dem Abriss gerettet. Ein Schmuckstück war er zu dieser Zeit allerdings schon längst nicht mehr. Anders als der alte Posthof auf der anderen Seite der Sarceller Straße verfiel er immer mehr, wurde zu einem Schandfleck in der Hattersheimer Altstadt.

Auf Anregung des damaligen Bürgermeisters Hans Franssen (SPD) wurde eine Arbeitsgruppe gegründet. Ein Sanierungskonzept entstand, das eine Mischnutzung mit Büros und Räumen für die Hattersheimer Bürger vorsah. Schnell war mit Aventis Real Estate auch eine Unternehmen gefunden, das Büros mieten wollte. Weitere Firmen waren ebenfalls interessiert. Die Stadt verkaufte den Nassauer Hof für einen symbolischen Preis von 1000 Mark an die Städtische Wohnungsbaugesellschaft Hawobau. Sanierung und Umbau dauerten drei Jahre. Eine große Scheune aus den 1950er Jahren wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Dort sind die Büros untergebracht, die nach dem Wegzug der Firmen seit zweieinhalb Jahren von der Stadtverwaltung genutzt werden.

In einem der Pferdeställe im Erdgeschoss ist heute das Stadtarchiv. Hinter einer anderen Tür im Innenhof, in der ehemaligen Remise, steht ein schwarzer Landauer. Die alte Postkutsche kann beim Jubiläumsfest am Wochenende besichtigt werden.

In der Galerie im ersten Obergeschoss zeichnet eine Ausstellung die 200-jährige Geschichte des Nassauer Hofes nach. Außerdem wird Ulrike Milas-Quirin vom Hattersheimer Geschichtsverein durch das historische Gebäude des Nassauer Hofes führen. Die Besucher können dann nicht nur das in die Fensterscheiben eingeritzte Gästebuch sehen sondern auch die prächtigen Wanddekorationen, die bei der Restaurierung entdeckt wurden. „Lückenlos sei hier die Raumkunst eines nassauischen Gasthauses erlebbar“, hatte die Jury des Denkmalschutzpreises gelobt. 92 originale Fensterflügel hatte der Geschichtsverein sichergestellt. Sie wurden nach der Sanierung alle wieder eingebaut.

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