Die ehemalige jüdische Schule auf dem Phrix-Gelände (rechts im Bild) steht unter Denkmalschutz.
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Die ehemalige jüdische Schule auf dem Phrix-Gelände (rechts im Bild) steht unter Denkmalschutz.

Hattersheim

Ringen um das Erinnern in der jüdischen Schule

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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In der ehemaligen Papierfabrik Phrix am Okrifteler Mainufer entstehen moderne Luxuswohnungen. Wie mit den Spuren jüdischer Vergangenheit umgegangen werden soll, ist unklar.

Ein paar Monate noch, dann werden in die edlen Lofts, die derzeit in der ehemaligen Papierfabrik Phrix entstehen, die ersten Bewohner:innen einziehen. 500 Menschen sollen einmal in dem imposanten Industriedenkmal am Okrifteler Mainufer leben. Probleme, die teuren Immobilien zu verkaufen, hatte die Prinz von Preussen Grundbesitz AG nicht. Schon im Frühjahr dieses Jahres waren so gut wie alle Lofts und Wohnungen vergeben.

In einer Hochglanzbroschüre schwärmte Architekt Georg Krautwurst vom Düsseldorfer Architekturbüro BK-Plan von der besonderen Atmosphäre der geschichtsträchtigen Backsteingebäude und versprach, Details aus der Historie der Phrix würden an vielen Stellen bei der Umwandlung in Wohnraum aufgegriffen, „damit die Menschen, die hier in Zukunft leben werden, etwas von den historischen Einzelstücken ablesen können, die früher das Gebäude ausgemacht haben.“

In Vergessenheit geraten sein dürfte dabei ein unscheinbares Backsteinhäuschen, das an der Kirchgrabenstraße steht und das einst als jüdische Schule in Okriftel diente. Das zweistöckige Gebäude ist denkmalgeschützt und ebenso heruntergekommen wie der gesamte Fabrikkomplex. Die Läden der meisten Fenster sind geschlossen. Das Mauerwerk ist brüchig. Stromkabel hängen aus der Wand. Margit Schmitt, Sprecherin der Prinz von Preussen AG, räumt ein: Das denkmalgeschützte Backsteinhäuschen mit einer Nutzfläche von 120 Quadratmetern sei für den Bauträger betriebswirtschaftlich uninteressant. „Wir haben bisher keine Pläne, was damit geschehen soll.“ Eventuell werde es verkauft.

Historie

Gegründet wurde die Cellulose- und Papierfabrik in Okriftel im Jahr 1884.

In den 1930er Jahren verließ die jüdische Unternehmerfamilie Offenheimer-Bloch Deutschland und emigrierte in die USA.

Nach dem Krieg ging die Fabrik in den Besitz der Hamburger Phrix-Werke AG über. Später gehörte sie zur BASF und wurde wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten im Jahr 1970 geschlossen.

Das Gelände kaufte ein Privatmann. Künstlerinnen und Künstler hatten lange Jahre ihre Ateliers in den alten Backsteinbauten.

Die AG Opfergedenken in Hattersheim würde die einstige jüdische Schule gerne als Denkmal erhalten und darin einen Ausstellungsraum einrichten, „zur Dokumentation der zum Teil schmerzvollen Standortgeschichte“. So habe es bereits im Planungskonzept von Albert Speer und Partner gestanden, das dem Landesamt für Denkmalpflege 2016 vorgelegt wurde, sagt AG-Sprecherin Ulrike Milas-Quirin. Den Arbeitskreismitgliedern sei es ein Anliegen, auf die Historie der Okrifteler Cellulose- und Papierfabrik und auf das Schicksal der jüdischen Unternehmerfamilien Offenheimer und Bloch zurückzuschauen, sagt Milas-Quirin. Acht Stolpersteine in der Kirchgrabenstraße geben Auskunft darüber, dass die Familie ihres Eigentums beraubt wurde und nach dem Pogrom im November 1938 in die USA flüchten musste.

Philipp Offenheimer hatte die Fabrik 1886 übernommen. Für viele Jahrzehnte war das Unternehmen der wichtigste Arbeitgeber am Ort. Im Jahr 1910 beschäftigte die Papierfabrik 226 Mitarbeiter. Philipp Offenheimer galt zudem als Förderer von Okriftel. Er unterstützte den Bau des ersten Rathauses. Auf dem Fabrikgelände stellte er der kleinen jüdischen Gemeinde das Backsteingebäude an der Kirchgrabenstraße als Schule und Betsaal zur Verfügung. Davon, wie präsent das jüdische Leben in Okriftel bis zur Vernichtung der Gemeindemitglieder im Holocaust gewesen sein muss, zeugen 44 Stolpersteine, die in den vergangenen Jahren in dem Stadtteil verlegt wurden.

Im Hattersheimer Rathaus tut man sich dennoch schwer, der Forderung der AG Opfergedenken nachzukommen und einen Ausstellungsraum in der jüdischen Schule in Aussicht zu stellen. Der Investor müsse entscheiden, was mit dem Backsteingebäude geschehe, sagte Stadtsprecher Stefan Käck der FR. Als Infrastrukturausgleich habe man mit der Prinz von Preussen AG im städtebaulichen Vertrag Zuschüsse zu einem Rad- und Fußweg und zur Schaffung von weiteren Kita-Plätzen ausgehandelt. Bürgermeister Klaus Schindling (CDU) habe dies als seine Aufgabe angesehen. „Von der jüdischen Schule war damals nicht die Rede.“

Womöglich ist es aber nicht ganz ausgeschlossen, dass die Stadt das Gebäude doch kauft und hier eine Gedenkstätte eingerichtet wird. Eine solche Entscheidung müsste die Mehrheit im Stadtparlament treffen, betont Stefan Käck. „Die Botschaft, dass der Investor daran denkt, die jüdische Schule zu verkaufen, ist allerdings bisher nicht im Rathaus angekommen.“

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