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Die Fotoausstellung „Waschen & rasieren!“ wurde 2016 im Gemeinschaftsraum des Obdachlosenheimes gezeigt. 

Hattersheim

Kunst im Haus für Obdachlose in Hattersheim

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Das Kulturprogramm der Caritas-Einrichtung am Hattersheimer Autoberg trägt seit 15 Jahren zur Integration Wohnungsloser im Stadtviertel bei.

Waschen und rasieren Sie sich. Dann bekommen Sie auch einen Job.“ Der salopp formulierte Rat des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck an den Wiesbadener Hartz-IV-Empfänger Henrico Frank sorgte vor Jahren für bundesweite Schlagzeilen. Ist es wirklich so einfach, der Arbeitslosigkeit zu entkommen, gar als Wohnungsloser wieder Fuß zu fassen in der Gesellschaft? Die Frage beschäftigte auch den Leiter der Hattersheimer Obdachloseneinrichtung Haus Sankt Martin am Autoberg, Klaus Störch. Er nahm den verbalen Schlagabtausch zwischen dem SPD-Politiker und Henrico Frank 2016 zum Anlass für eine Fotoausstellung im Gemeinschaftsraum der Caritas-Einrichtung.

Der Höchster Fotografen Philipp Eichler lichtete 24 Bartträger ab: Politiker, allen voran Kurt Beck, Künstler und Angestellte ebenso wie Männer, die auf der Straße leben und regelmäßig ins Haus am Autoberg kommen, um dort zu frühstücken oder zu übernachten. Es waren ungeschminkte Gesichter – vom Leben gezeichnet, jedes auf seine Weise.

Die Ausstellung machte Furore, wurde auch in anderen Städten im Rhein-Main-Gebiet gezeigt und ist für Klaus Störch im Rückblick einer der Höhepunkte des Kunst- und Kulturprogramms der Caritas-Einrichtung in den vergangenen 15 Jahren. Acht bis zehn Veranstaltungen hat er pro Jahr organisiert, 130 insgesamt. Ziel sei stets gewesen, Angebote an Obdachlose und Hattersheimer Bürger gleichermaßen zu machen, Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten miteinander ins Gespräch zu bringen.

Jahresprogramm

Zum Neujahrempfangam 15. Januar wird um 19 Uhr die Ausstellung „painting exposure – Bewegte Momente“ mit Fotografien von Antje Kern im Haus Sankt Martin am Autoberg eröffnet.

Das Fotoprojekt„Repicturing Homeless“, bei dem Obdachlose so gestylt wurden, als wären sie Menschen mit Wohnung und Job, macht ab 28. Februar in der Caritas-Einrichtung Station.
Der 15. Geburtstagder Programmreihe „Kunst- und Kultur am Autoberg“ wird am 24. April gefeiert. Eröffnet wird dann auch die Ausstellung „Kunst im Quadrat –Works II“ mit Fotografien, Gebrauchsgrafik und Texten von Erichtungsleiter Klaus Störch.

Weitere Informationenzum Programm im Jahr 2020 unter www.caritas-main-taunus.de. 

Das geschah aus gutem Grund. Störch erinnert sich noch gut an die turbulenten Anfänge der Obdachloseneinrichtung, die Ende der 199er Jahre auf einem städtischen Grundstück errichtet wurde und erst mal für massive Kritik aus der Nachbarschaft sorgte. „Wir wollten einen Ansatz finden, um die Bürger mitzunehmen, ihnen eine Tür zu uns zu öffnen, das ist mit dem Programm ziemlich gut gelungen.“ Mittlerweile gebe es eine kleine Community, die regelmäßig ins Haus am Autoberg komme, berichtet er.

Und der Bogen der Kulturveranstaltungen ist weit gespannt. Eine Reihe Prominenter hat sich schon engagiert, ohne Honorar dafür zu nehmen. Der bekannte Fotojournalist Jim Rakete hat im Haus am Autoberg ausgestellt, der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato aus einem seiner Werke gelesen. Und die deutsche Synchronstimme von Robert De Niro, der Schauspieler Christian Büchner, war im Gemeinschaftsraum der Einrichtung zu Gast.

Studenten der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden begleiteten Wohnungslose in ihrem Alltag und gestalteten eine Fotoausstellung unter dem Titel „No Home“. Auch die Besucher der Obdachloseneinrichtung griffen zur Einwegkamera, dokumentierten ihr Leben auf der Straße und präsentierten die selbst geschossenen Fotos in einer Ausstellung.

„Wir können immer wieder Potenziale wecken“, sagt Klaus Störch. Zu meinen, Menschen ohne festen Wohnsitz seien grundsätzlich bildungsfern und nicht interessiert an Kunst und Kultur, sei ein Irrglaube. „Man muss ihnen nur den Zugang dazu ermöglichen. Dann sind sie sehr interessiert.“

Deutschlandweit ist das Engagement der Caritas-Einrichtung und ihres langjährigen Leiters wohl einzigartig. 2015 wurde das Haus Sankt Martin am Autoberg deshalb auch ausgezeichnet. Es erhielt für sein Kunst- und Kulturprogramm den bundesweiten Bildungspreis der deutschen Gesellschaft für Fotografie.

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