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Gleich taucht Tobias Böhler ab. Der Okrifteler Baggersee ist bis zu 14 Meter tief.

Hattersheim

Am Okrifteler Baggersee üben Rettungstaucher für den Ernstfall

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Am Okrifteler Baggersee übt die Tauchereinheit des Kreises regelmäßig für den Ernstfall.

Den Ernstfall hat es am Okrifteler Baggersee schon gegeben: 2016 ertrank ein junger Mann, ein Nichtschwimmer, in dem von außen harmlos wirkenden Gewässer. Vier Jahre zuvor, war ein 46-Jähriger nach reichlich Alkoholkonsum in den See gesprungen, in dem Baden strikt verboten ist. Auch ihn konnten die Rettungstaucher nur noch tot bergen.

Als die Tauchertruppe des Main-Taunus-Kreises in der vergangenen Woche mit den zwei roten Einsatzwagen zum Okrifteler Baggersee kommt, geht es nicht um Leben und Tod. Eine Übung steht auf dem Programm. Weil auch ein Rettungstaucher mal in Not geraten kann, soll die Bergung eines Kameraden simuliert werden.

Bei brütender Hitze schlüpft Tobias Böhler in seinen orangefarbenen Neoprenanzug, schultert die Sauerstoffgeräte, setzt die Überdruckmaske auf. Zwei Kollegen helfen ihm, Flossen und Handschuhe anzuziehen. Dann geht Böhler ins Wasser, die rote Leine, die Signalmann Sascha Ullrich fest in der Hand hält, zieht er hinter sich her. Ein paar Meter vom Ufer entfernt, taucht Böhler ab. Nur ein paar Luftblasen blubbern an der Wasseroberfläche.

Okrifteler Baggersee ist bis zu 14 Meter tief

Bis zu 14 Meter ist der Okrifteler Baggersee tief, nach einem flachen Einstieg bricht das Ufer abrupt ab. „Als Taucher verliert man unter Wasser schnell die Orientierung“, sagt Stefan Predikant, der die Rettungseinhheit leitet. Deshalb sei es so wichtig, über die Signalleine mit Kollegen am Ufer verbunden zu sein. Sie dirigieren den Rettungstaucher im Wasser. Zwei Mal an der Leine ziehen heißt „links“, drei Mal ziehen „rechts“.

Bei der Übung am Baggersee hat Tobias Böhler gerade ein Mal an der roten Leine gezogen und damit signalisiert: „Ich brauche dringend Hilfe.“ Jetzt muss alles ganz schnell gehen. „Taucher in Not“, ruft Signalmann Ullrich. Sicherungstaucher Marco Hentze, der schon auf seinen Einsatz gewartet hat, geht in den See. Keine Minute dauert es, dann hat er Tobias Böhler an die Oberfläche geholt und schwimmt mit ihm ans Ufer. Die roten Signalleinen werden entwirrt, die Kollegen nehmen Böhler Tauchgeräte und Blei ab und legen ihn auf eine gelbe Trage.

30 Mitglieder hat die Rettungstauchereinheit des Main-Taunus-Kreises zurzeit. Die Ausbildung zum Rettungstaucher wird in der Landesfeuerwehrschule absolviert. Sie dauert zwei Jahre. Die Gruppe ist offen für jeden. Die Ausbildung zum Rettungstaucher ist dabei nicht verpflichtend. Man kann auch mitarbeiten, ohne selbst zu tauchen.

Zwei Rettungswagen kommen mit Sirenengeheul angefahren. Ein Bodycheck wird an Böhler vorgenommen, er wird neurologisch untersucht. War er zu lange im tiefen Wasser? Ist er zu schnell aufgetaucht? Hat er die Taucherkrankheit und damit zu viel Stickstoff im Blut? Braucht er dringend Sauerstoff, muss gar in eine Druckkammer gebracht werden? Routiniert arbeitet der Tauchtrupp mit den Rettungskräften zusammen. „Wir betrachten jede Übung wie einen Ernstfall“, sagt Predikant. Jeder Handgriff müsse sitzen. Und jedes Detail im Training werde genau dokumentiert. Regelmäßig kommen die Rettungstaucher zum Üben an den Okrifteler Baggersee, 80 Trainingstermine wurden alleine im vorigen Jahr angeboten. Viele der 30 Mitglieder seien dann dabei, sagt Predikant. Rettungstaucher müssten 15 Tauchgänge pro Jahr absolvieren. „Die Gruppe ist sehr aktiv.“

Seit zehn Jahren besteht die Rettungstauchereinheit des Main-Taunus-Kreises. Davor gab es zwei Tauchergruppen bei den Freiwilligen Feuerwehren in Flörsheim und Hofheim. Die Städte hätten die Tauchertrupps jedoch nicht länger aufrechterhalten können, weil Geld und Personal fehlten, erzählt Andreas Koppe, der Leiter des Amtes für Brandschutz und Rettungswesen im Main-Taunus-Kreis.

Landkreis unterstützt Rettungstaucher

Der Landkreis sprang ein und unterstützt die Rettungstaucher seither. Erst vor Kurzem konnten sie ihr neues Quartier im Feuerwehrhaus im Flörsheimer Stadtteil Weilbach beziehen. 200 000 Euro hat der Kreis für den Neubau zugeschossen. Außerdem wurde ein zweiter Mannschaftswagen für die Taucher angeschafft.

Im Schnitt werden die Rettungstaucher zu zwei bis drei Einsätzen pro Jahr gerufen. Meist sollen Personen nach einem Badeunfall gesucht werden. Die Gesamtwasserfläche, für die die Rettungstaucher des Main-Taunus-Kreises zuständig sind, ist drei Quadratkilometer groß. Neben dem Okrifteler Baggersee, dem Silbersee in den Weilbacher Kiesgruben oder dem Dyckerhoffsee bei Flörsheim gehört auch der Main als Wasserstraße zwischen Hattersheim und Hochheim dazu.

Manch skurrilen Fund hätten die Rettungstaucher bei Trainings im Fluss schon gemacht, erzählt Stefan Predikant. Motorräder, Autos und Munition wurden an Land geholt und ein Gewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Predikant selbst entdeckte einmal im Main zwischen Flörsheim und Eddersheim ein Seil, tastete sich entlang und hielt plötzlich einen Beutel voll mit Goldschmuck und diamantenbesetzten Feuerzeugen in der Hand. „Das war Diebesgut. Irgendjemand hat den Beutel im Main versenkt, um ihn später wieder herauszuholen.“

An einen Einsatz von Rettungstauchern, bei dem es um Leben und Tod ging, erinnert sich Predikant besonders gut. Mitte der 1990er Jahre sei ein Mädchen unterhalb der Opelbrücke aus dem Main gezogen und eine halbe Stunde lang reanimiert worden. Das Kind habe keine bleibenden Schaden davon getragen. „Das hat mich so beeindruckt, dass ich beschlossen habe, selbst Rettungstaucher zu werden.“

Mehr Informationen unter www.rettungstaucher.org

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