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Das Ende für ein traditionsreiches Geschäft

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Sein Laden war für ihn zuletzt vor allem Hobby und Leidenschaft. Athanasios Bakalis liebt sein Handwerk auch nach 45 Jahren noch. kröner
Sein Laden war für ihn zuletzt vor allem Hobby und Leidenschaft. Athanasios Bakalis liebt sein Handwerk auch nach 45 Jahren noch. kröner © Kröner

Bedauern, dass Athanasios Bakalis seine Änderungsschneiderei schließen muss

Hattersheim - Athanasios Bakalis versteht etwas von seinem Handwerk. Diesen Eindruck vermittelt eine Ehrenurkunde, die im Eingangsbereich seiner Änderungsschneiderei ausgestellt ist. Die Auszeichnung belegt, dass der 67-Jährige vor mehreren Jahrzehnten für 25 Jahre Mitgliedschaft in der Handwerkskammer Rhein-Main geehrt wurde.

Das Dokument ist aber nicht das einzige Anzeichen für das Fachverständnis des Okriftelers. Die Ausstattung seiner Änderungsschneiderei an der Ecke Taunusstraße/Neugasse unterstreicht die positive Einschätzung ebenfalls. Zum Handwerkszeug, das sich im Laufe einer langen Karriere angesammelt hat, gehören sechs verschiedene Nähmaschinen, die auf den Tischen vor den großen Schaufenstern stehen. Die Gerätschaften sind keine Dekoration. „Die hier ist für Reißverschlüsse, die da drüben nutze ich für besonders dicke Nähte“, erläutert Bakalis. Eine andere Maschine erleichtere das Säumen und das Gerät dahinter ermögliche es, Stoffe zu zerteilen, ohne dass die Schnittstellen ausfransen.

Wenn er von seiner Tätigkeit berichtet, gerät der erfahren Kürschnermeister schnell ins Schwärmen. Dann erzählt er etwa von dem Auftrag, den er für eine junge Frau erledigte, die ihm den Mantel ihrer Großmutter in den Laden brachte. Bakalis wandelte das Familienerbstück in einen Blazer um, woraufhin ihm die Kundin ein begeistertes Fotos mit ihrem neuen Kleidungsstück aus der Frankfurter Alten Oper geschickt habe. Solche Erinnerungen begeistern den Schneider, der sich 1978 selbstständig machte und seither von Ehefrau Doris Bakalis unterstützt wird. Das Paar hat sich im Lauf der Jahrzehnte an vielen Standorten einen Namen gemacht - unter anderem in der Hattersheimer Frankfurter Straße.

So wie es aussieht, wird die Änderungsschneiderei in Okriftel nun ihre Endstation sein. Die Eheleute bedauern, dass sie das Geschäft Ende Februar schließen müssen. Vor Corona habe er sich auf Wunsch des Vermieters auf einen längeren Mietvertrag eingelassen, erzählt Athanasios Bakalis. Nun sei ihm überraschend mit einer Frist von drei Monaten gekündigt worden.

Hausbesuche bei älterer Kundschaft

Auch die Kunden sind enttäuscht. „Ich verstehe das nicht“, sagte Hartmut Menzel. „Endlich hatten wir mal wieder eine Schneiderei und jetzt ist es vorbei“, bedauert der Okrifteler. Aus seiner Sicht sei es problematisch, dass junge Leute solch ein Handwerk heute nicht mehr lernen wollen. Bakalis erzählt, dass er ältere Kunden auch zu Hause besuche. Neben der Kundschaft in Okriftel habe er Stammkunden aus Flörsheim, Höchst, Kronberg und Königstein. Athanasios Bakalis ist viel herumgekommen. Auf der Königsteiner Straße in Höchst hatte er einen seiner ersten Läden. Später schneiderte er in der Kreisstadt Hofheim, bevor es ihn 1988 nach Hattersheim verschlug.

Als Lohnkürschner habe er Schnitte für große Kleidungshersteller entwickelt, die auf Messen mit Goldmedaillen ausgezeichnet worden seien. Mit den Preisen schmückten sich allerdings die Unternehmen. „Die gab es nicht mit meinem Namen“, erzählt Bakalis, der sich als letzten Kürschnermeister bis zur Autobahn A66 bezeichnet.

Das Kürschnerhandwerk - also die Herstellung von Kleidung aus Tierfellen - ist heute allerdings nicht mehr gefragt. Echte Pelze seien im Vergleich zu Kunstfell ein Bioprodukt, schwärmt Athanasios Bakalis. Die wärmenden Tierfelle seien aufgrund des Klimawandels jedoch weniger beliebt. Und natürlich hat auch der Tierschutz entscheidend dazu beigetragen, dass sich echte Nerze wenig Beliebtheit erfreuen. Pelzreste, die weiterhin in seinem Laden ausgestellt sind, verwende er nur für Reparaturen.

Athanasios und Doris Bakalis mussten bereits vor einigen Jahren ihre Geschäft in der Frankfurter Straße aufgeben, weil das Gebäude verkauft und abgerissen wurde. In Okriftel habe er sein Handwerk zuletzt vor allem als Hobby ausgeübt, sagt der Experte. „Das wird einem jetzt auch genommen.“ Bakalis berichtet, dass er dem Vermieter einen Nachmieter gesucht hätte, damit die Schneiderei in Okriftel erhalten bleibt. Dies sei aber anscheinend nicht gewünscht. Wie er selbst weitermache, wisse er noch nicht genau.

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