Die alten Produktionshallen rund um die Bleicherei sind entkernt, demnächst entstehen hier exklusive Wohnungen.
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Die alten Produktionshallen rund um die Bleicherei sind entkernt, demnächst entstehen hier exklusive Wohnungen.

Hattersheim

Alte Papierfabrik in Hattersheim wird nobles Wohnquartier

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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Lange Jahre galt das Gelände der ehemaligen Phrix-Papierfabrik am Okrifteler Mainufer als „Lost Place“. Jetzt erwacht das Industriedenkmal zu neuem Leben.  

Die Kamera schwenkt über bröckelnde Backsteinwände und durch menschenleere Hallen. Bäume wachsen an Fenstersimsen und auf Dächern. Im Inneren der ehemaligen Produktionsgebäude der Okrifteler Fabrik stehen noch die riesigen Maschinen, die bis vor einem halben Jahrhundert zur Papierherstellung verwendet wurden, Licht fällt durch die Fenster und malt gespenstische Schatten an die mit Graffiti bemalten Wände. Schutt und trockenes Laub bedecken den Boden. Ein riesiger rostiger Transporthaken ragt ins Bild. Er stammt wohl von einem Kran, der einst für die Produktion genutzt wurde. Prüftasten, Schalter, eine Waage, verblichene Anzeigentafeln werden herangezoomt. Im Hintergrund läuft die schwermütige Musik der norwegischen Metal-Band „Immortal“.

Das Video ist in der Reihe „Lost Places“ – vergessene Orte bei Youtube abrufbar. Gedreht wurde es im Juni 2013. Es ist nicht das einzige, das in der stillgelegten Papierfabrik am Mainufer in Okriftel in den vergangenen Jahren entstanden ist. Die bizarre Szenerie der verlassenen, weit über hundert Jahre alten Industriegebäude haben auch Regisseure immer wieder nach Okriftel gezogen. Die Phrix wurde mehrfach zur Filmkulisse.

2016 war Schluss damit. Die Prinz von Preussen Grundbesitz AG kaufte das knapp vier Hektar große Areal, um darauf das Luxuswohnprojekt „Main Riverside Lofts“ zu verwirklichen. Das Frankfurter Planungsbüro Albert Speer und Partner entwarf den interdisziplinären Rahmenplan für Lofts, Penthäuser und Wohnungen in den historischen Backsteinbauten am Fluss. Für Geldanleger wurde ein Investitionspaket geschnürt, das für Sanierung und Modernisierung der unter Denkmalschutz stehenden Immobilien lukrative Abschreibemöglichkeiten vorsieht.

Industriedenkmal

Gegründet wurde die Cellulosefabrik in Hattersheim-Okriftel 1884. Philipp Offenheimer übernahm das Werk 1886. Um die Jahrhundertwende wurde die Papierherstellung eingeführt. 1910 beschäftigte die Fabrik 226 Mitarbeiter. 

Nach dem Tod seines Vaters übernahm Ernst Offenheimer die Firma. 1933 verließ die jüdische Unternehmerfamilie vor den aufkommenden Pogromen Deutschland und emigrierte in die USA. Den Betrieb übernahm der Berliner Friedrich Minoux.

Nach dem Krieg erhielt Ernst Offenheimer die Fabrik zurück, die dann in den Besitz der Hamburger Phrix-Werke AG überging. Bis zu 1000 Mitarbeiter wurden in den 1960er Jahren beschäftigt.

Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten wurde die Papierfabrik, die mittlerweile zur BASF gehörte, im Jahr 1970 geschlossen. Das Gelände wurde an einem Privatmann verkauft.

In Vor-Corona-Zeiten war das Interesse der zahlungskräftigen Käufer groß. „Im Grunde sind alle Wohnungen weg“, sagte der Vorstand der Prinz von Preussen AG, Theodor J. Tantzen, bei einem Baustellenrundgang vor drei Wochen. Selbst Höchstpreise von bis zu 8000 Euro pro Quadratmeter schreckten die privaten Investoren nicht ab. Die meisten würden die Wohnungen wohl nicht selbst nutzen, sondern planten, sie zu vermieten, berichtete Tantzen.

Auch wenn sich die Welt seit dem Termin Anfang März gewaltig verändert hat – die Arbeiten auf der Okrifteler Baustelle gehen weiter. Bis Ende 2020 sollen die ersten 75 Wohnungen der „Waterfront Suites“ bezugsfertig sein. Mit Wohnflächen zwischen 60 und 100 Quadratmetern haben sie alle Ausblick zum Main. Untergebracht sind sie auf zwei Geschossen und einem neu aufgesetzten Staffelgeschoss in dem Gebäude, in dem vor wenigen Jahren noch die Phrix-Künstler ihre Ateliers hatten. Komplett entkernt sind mittlerweile auch die vier großen historischen Hallen der Phrix-Papierfabrik, die die Silhouette des Hattersheimer Stadtteils prägen. Die ehemalige Bleicherei ist das Kernstück und als Tonnenhalle mit vertikal hervortretenden Mauerelementen an der Fassade, sogenannten Lisenen, architektonisch von besonderem Wert. Im zweiten Bauabschnitt werden dort laut Tantzen 67 Wohnungen mit individuellen Grundrissen und über drei Meter hohen Decken, sogenannten „Central Square Lofts“ gebaut.

Säulen und tragende Elemente der historischen Produktionsgebäude bleiben erhalten. Relikte aus der alten Papierfabrik wie etwa Zahnräder sollen in den Treppenhäusern eingebaut werden, um so die Geschichte des Industriedenkmals lebendig werden zu lassen. Erhalten bleibt auch der weithin sichtbare Backsteinschornstein der Phrix. Im dritten Bauabschnitt kommen weitere 65 Wohnungen dazu. Insgesamt investiert die Prinz von Preussen AG 170 Millionen Euro.

In das Projekt „Main Riverside Lofts“ eingeklinkt hat sich mittlerweile auch die Wohnkompagnie Rhein-Main aus Frankfurt. Sie plant auf dem ehemaligen Fabrikgelände am Okrifteler Mainufer zwei Neubauten mit insgesamt 66 Eigentumswohnungen sowie ein Boardinghouse mit 82 Micro-apartments. Die Apartments sollen nach ihrer Fertigstellung an einen Investor weiterverkauft werden.

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