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Klaus Störch kümmert sich weiterhin um obdachlose Menschen im Haus Sankt Martin am Autoberg.

Hattersheim

Hattersheim: Obdachlose müssen nicht auf die Straße

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Im Haus Sankt Martin ist die Begrenzung auf sieben Übernachtungen im Monat vorerst ausgesetzt. Andere Obdachlosen-Eirnichtungen in der Region haben ähnliche Regelungen getroffen.

Klaus Störch hat unruhige Tage hinter sich. „Ich habe das ganze Wochenende lang überlegt, wie im Haus Sankt Martin der Betrieb weitergehen kann, wenn Schulen und Kindergärten wegen der Coronavirus-Pandemie geschlossen sind“, sagt der Leiter der Caritas-Einrichtung für Obdachlose in Hattersheim. Seit Anfang der Woche ist Störch im Haus Sankt Martin am Autoberg auf sich alleine gestellt in der Betreuung der Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben. „Außer mir ist nur noch die Reinigungskraft da“, berichtete er. Alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien zu Hause geblieben, weil sie ihre Kinder betreuen müssten. „Anders geht es nicht.“

Für seinen „Einmannbetrieb“ hat Störch einen Plan B entwickelt und die Öffnungszeiten der Tagesstätte reduziert. Nur noch zwischen 8.30 und 12 Uhr ist die Einrichtung jetzt von Montag bis Freitag geöffnet. Der Leiter kümmert sich um alles: von der Beratung der obdachlosen Menschen bis zur Frühstücksausgabe. Was helfe, sei die Tatsache, dass aktuell pro Tag nur etwa halb so viele Besucher wie üblich ins Haus kämen, sagt er. Das habe damit zu tun, dass sich Obdachloseneinrichtungen in der Region vernetzt hätten und gemeinsam dafür sorgten, dass Menschen ohne festen Wohnsitz nicht in dem Maße zum Herumreisen gezwungen seien wie in normalen Zeiten.

Üblicherweise ist die Zahl der Übernachtungen, die sie in einer einzelnen Einrichtung verbringen dürfen, auf sieben Nächte pro Monat begrenzt. Nunmehr können sie im Haus Sankt Martin und anderswo erst mal bis zum 29. März bleiben. Ebenso lange zahlen Städte und Landkreise die Tagessätze aus. „Der Zwang zur Mobilität ist damit deutlich gestoppt“, sagt Klaus Störch. „Mit dem Sozialdezernenten des Main-Taunus-Kreises, Johannes Baron, konnten wir das innerhalb kurzer Zeit unbürokratisch klären.“

Haus Sankt Martin

Die Caritas-Einrichtung für Obdachlose am Autoberg in Hattersheim besteht seit 2003. Geleitet wird sie vom Pädagogen und Soziologen Klaus Störch.

Obdachlose Menschen können sich hier zwei Mal pro Woche ihren auf der Basis von Hartz IV errechneten Tagessatz abholen, den das Sozialamt des Landkreises an sie auszahlt. Sie können sich waschen und duschen und bekommen ein Frühstück.

Sechs Betten in drei Zimmern stehen außerdem im Haus Sankt Martin zur Verfügung für jene, die für ein paar Tage stationär sein wollen, ehe sie wieder auf die Straße gehen.

Etwa 350 Personen kommen regelmäßig in die Hattersheimer Einrichtung für Obdachlose. 25 bis 30 Besucher sind es jeden Tag. aro

Voraussetzung, um von dieser Regelung zu profitieren, sei allerdings, dass die Betroffenen in den nächsten 14 Tagen durchgehend im Haus Sankt Martin übernachten. Anteilige Übernachtungen seien nicht möglich, da ansonsten der Sinn der Aktion, die Weiterreise fürs Erste zu stoppen, verfehlt werde, erläuterte Störch im Gespräch. Vier obdachlose Menschen wohnen seinen Angaben zufolge jetzt im Haus Sankt Martin. Mehr sollen es auch nicht werden, da insgesamt nur drei Zimmer zum Übernachten zur Verfügung stehen.

Klaus Störch hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Besucher der Caritas-Einrichtung eingehend über die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts in Sachen Coronavirus zu informieren: Vom Händewaschen über die Desinfektion der Tische bis zum Abstandhalten in dem nicht allzu großen Frühstücksraum. Zur Not müsse an der Essensausgabe eben gewartet werden. „Die Leute haben Verständnis dafür“, berichtet der Einrichtungsleiter. Auch die meisten Obdachlosen seien heute mit einem Smartphone ausgestattet und über die aktuellsten Entwicklungen informiert.

„Uns ist es wichtig, das Haus Sankt Martin so lange wie möglich offenzuhalten, um die Versorgung der Menschen ohne festen Wohnsitz sicherzustellen“, sagt Störch. „Wenn wir auch dichtmachen müssten, wäre das ein Riesenproblem.“ Denn gerade für jene, die kein Dach über dem Kopf haben, sei das Risiko einer Ansteckung im öffentlichen Raum zurzeit groß – „vor allem, wenn die Menschen unter Vorerkrankungen leiden und mit Alkohol- oder Drogensucht zu tun haben“.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin hat bereits am Freitag an die verantwortlichen Behörden appelliert, Zwangsräumungen auszusetzen und aktuell niemanden mehr in Notunterkünfte einzuweisen. Die Einrichtungen seien ohnehin schon überfordert, eine Kontaktreduzierung lasse sich dort nicht umsetzen, erklärte Geschäftsführerin Werena Rosenke.

Notunterkünfte sollten rund um die Uhr geöffnet werden, so dass Wohnungslose auch tagsüber dort bleiben könnten, damit sie sich nicht im öffentlichen Raum aufhalten müssten. Die Kommunen forderte die Bundesarbeitsgemeinschaft auf, zusätzliche Räumlichkeiten wie beispielsweise geeignete Gewerbeimmobilien zu akquirieren, um die Belegungsdichte in Notunterkünften für Menschen ohne Wohnsitz zu reduzieren.

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