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Günter Vowinkel ist stolzer Käpt'n und eigentlich längst in Rente.

Fährbetrieb auf dem Main

Hattersheim: Der letzte Fährmann geht auf Kurs

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Die „Okriftel“ startet in die neue Saison – Kapitän Günter Vowinkel schippert die Fähre seit 19 Jahren über den Main.

Knapp 170 Meter Luftlinie sind es von Okriftel rüber nach Kelsterbach. Oder besser Wasserlinie, weil es ja über den Main geht, der zwischen den beiden Anlegestellen fließt. Günter Vowinkel steuert seinen kleinen Kahn in einer galanten Kurve über das in der Nachmittagssonne grünbraun schimmernde Wasser. Lässig rückwärts ausgeparkt und dann flott hinüber im schönen Bogen, wenn gerade kein großer Pott vorbeikommt.

Knapp zwei Minuten dauert der Spaß, „je nachdem, wie ich Gas gebe“, sagt der Käpt’n mit schelmischen Lächeln. Kann auch mal ein bisschen länger dauern, wenn er kleine Wünsche erfüllt. Etwa eine Ehrenrunde für die bezaubernde Gini und ihre Freundin Leni dreht, die die Abfahrt am Bootshaus knapp verpasst haben und mit traurigen Gesichtern und ihren Rädern am Ufer stehen.

So ist er eben, der Chef ohne Allüren auf der „Okriftel“, wie die knapp zehn Meter lange Fähre getauft wurde, als sie 1981 auf der Werft in Mainz-Gustavsburg auf Kiel gelegt wurde. Immer ein Lächeln für seine Fahrgäste, ein Mann, dem sein Job einen Riesen-Spaß bereitet. Bis zu 20 Leute kann er übers Wasser befördern, gut aufgestellt reicht’s noch für ein Dutzend Fahrräder, wenn die Ausflügler nicht auch noch Bollerwagen mitbringen, moderne „Croozer“ für die Kleinkinder angehängt haben oder Kinderwagen mitführen. Wenn das Boot voll ist, dann ist es eben voll. Dann wird die Kette vorgehängt, dann hätten auch Gini und Leni, wie sich die Nachzüglerinnen an Bord vorstellen, keine Chance auf Mitnahme. Glück gehabt und Günter Vowinkel, bestens gelaunt nach der langen Winterpause.

Für sein liebstes Hobby nimmt der Freizeit-Kapitän in T-Shirt und kurzer Hose eine knappe Stunde Anfahrt aus Ludwigshöhe in Kauf. Seit 19 Jahren schippert er die mit bunten Fähnchen geschmückte „Okriftel“ auf dem Main immer hin und her. „Ich bin der letzte Fährmann“, sagt Günter Vowinkel, nicht ohne Stolz, nicht ohne Bange.

Früher waren es mal fünf Fährleute

Früher waren es mal fünf Fährleute in Diensten der Stadt, der die Fähre gehört. Heute kümmert sich ein örtlicher Kieshandel, bei dem auch Vowinkel lange gearbeitet hat, um das Boot, stellt den Fährmann und lagert auch das Schiff in den Wintermonaten ein. Der 66-jährige Käpt’n ist zwar in Rente, die Liebe zum Main und zur Fähre aber kennt keine Rente.

Die Herrschaft der Isenburger bescherte Okriftel einst die Mainfähre. Deren Gebiet lag südlich des Mains, einzige Ausnahme war Okriftel auf der anderen Mainseite, wo die katholischen Kurmainzer zu Hause waren. Denkt heute keiner mehr dran. Die Fähre wird auch nicht mehr von Arbeitern genutzt, die „zum Opel“ nach Rüsselsheim oder zur Cellulosefabrik Phrix nach Okriftel wollen.

Radfahrer, Wanderer und Ausflügler mit Kindern sind die Hauptkundschaft auf der „Okriftel“. Stammgäste werden mit großem „Halli-Hallo“ und Umarmung begrüßt. Endlich wieder Frühling, froh sind sie, den Winter gut überstanden zu haben. Ein älteres Paar mit Fahrrädern kommt bei jedem Wetter, „auch mal, um nur guten Tag zu sagen“, wie die Frau verrät. Und Lino den Schiffshund zu begrüßen, der zwischendurch auch mal an Land bleibt, ehe er wieder zusteigt.

Früher, vor seiner Zeit im Kieshandel, ist Günter Vowinkel auch schon hin und her gefahren. Damals auf dem Rhein, auf größeren Pötten, die jetzt beim Vorbeirauschen die kleine „Okriftel“ zum Schaukeln bringen. Jubiläum feiert er dieses Jahr, vor 50 Jahren hat er sein Schiffspatent gemacht, ist ein „alter Hase auf dem Wasser“, von dem er nicht lassen kann. Kann ihn überhaupt nicht ärgern, wenn’s dann mal so richtig hin und her schwankt. Gegen Seekrankheit verteilt er lächelnd Süßigkeiten an die Kinder an Bord. Und vorne am Steuer, über ihm die im Wind wehenden Flaggen von Portugal, Hamburg, Italien, Deutschland und Kroatien, führt er eine Strichliste über die Fahrgäste.

Mehr als 300 waren es am Eröffnungstag schon am Nachmittag, einmal hat er über 500 an einem Tag sicher übers Wasser gebracht. Die Saisoneröffnung zu Ostern war richtig hart, vier wettermäßige Knallertage in Folge mit unzähligen Fahrten hin und her. So lange er eine Handbreit Wasser unter dem Kiel hat, lächelt Günter Vowinkel auch an solchen Tagen noch bis zur letzten Fahrt im Sonnenuntergang.

Die Fähre „Okriftel“ verbindet das Mainufer Okriftel mit dem Kelsterbacher Wald. Sie ist an Wochenenden und an Feiertagen von 10 bis 20 Uhr unterwegs. Anlegestelle ist am Bootshaus (Jahnallee) in Okriftel. Die einmalige Überfahrt kostet für Erwachsene und Kinder ab 12 Jahren 70 Cent, für Kinder von 4 bis 11 Jahren 50 Cent. Wer mit Rad, Boller- oder Kinderwagen reist, zahlt 30 Cent drauf. Bei starkem Regen oder Frost bleibt die „Okriftel“ im Hafen. Kontakt für Sonderfahrten, Telefon: 06190/89200.

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