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Gerippte Leidenschaft

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Von: Kerstin Prosch

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Ein Glas aus den 30er Jahren mit dem Schriftzug „Für keine gefehlte Musikstunde“.
Ein Glas aus den 30er Jahren mit dem Schriftzug „Für keine gefehlte Musikstunde“. © Rolf Oeser

Kelkheim Helmut Krause sammelt Apfelweingläser / „Ein Stück Geschichte“

Nein, Helmut Krause ist nicht mit Apfelwein statt mit Milch groß geworden. Der 59-Jährige erwähnt aber gerne, dass er aus Bad Soden stammt. „Da ist es selbstverständlich, dass man Äpfel hat und seinen Apfelwein selbst macht“, sagt er. Getrunken wird das gute Stöffche natürlich aus einem passenden Glas.

Irgendwann ist Krause aufgefallen, dass es ganz verschiedene Apfelweingläser gibt. Aus rein praktischen Gründen begann er vor rund 20 Jahren zu sammeln. Immerhin hatte er bei größeren Feiern bemerkt, dass die Leute gerne von ihrem Platz aufstehen, um mit anderen zu plauschen. Stets komme dann der Zeitpunkt des Rätselratens: Wem gehört welches Glas? Mit verschiedenen Trinkgefäßen gehöre dieses Problem der Vergangenheit an.

Einmal mit dem Sammeln begonnen, hörte Krause allerdings nicht mehr damit auf. Immer wieder entdeckte er neue schöne Motive. Außerdem stellte er fest, dass die Apfelweingläser ein Stück Geschichte dokumentieren. „Ich habe beispielsweise ein Glas von der Eröffnung der Alten Oper in Frankfurt oder vom Jungfernflug der Boing 747“, erzählt er.

Mit der Sammelleidenschaft wuchs die Zahl der Apfelweingläser. Schon bald reichte der Esszimmerschrank im 1986 bezogenen Haus in Kelkheim nicht mehr aus. Krause fertigte eigens für seine Sammlung Regalbretter für das Treppenhaus an. Da stehen die Gläser nun säuberlich in Reih und Glied – 658 an der Zahl. Nicht eines ist doppelt, wie eine penible Auflistung beweist.

„Das älteste Glas stammt aus der Zeit um die Jahrhundertwende“, berichtet Krause. Damals war die Riffelung ausgeprägter als heute. Denn zum Apfelwein gehörte ein Schmalzbrot. Natürlich habe nach dem Verzehr keiner das Glas fallen lassen wollen. An dessen Eichstrich stand oft 6/20 l statt 0,3 l. Sonst gibt es zu den heutigen Gläsern kaum Unterschiede.

Sehenswert ist Krauses große Sammlung an Andenkengläsern von Städten und Gemeinden. Hattersheim findet sich hier ebenso wie Wiesbaden. Zum Schmunzeln sind die Gläser mit den Sprüchen. „Bist du beim Trinken, bleib’ ruhig dabei – die Frau schimpft um zwölf genau wie im drei“, kann man da unter anderem lesen.

Wer glaubt, dass der Bad Sodener seine Sammlung über Ebay bestückt, sitzt einem Irrtum auf. „Ich habe da auch schon was bekommen, aber das ist ganz selten.“ Für die 658 Gläser habe es vor allem vieler Kontakte zu unterschiedlichsten Menschen bedurft. Krause schrieb die Keltereien an, ebenso die Obst- und Gartenbauvereine. Auf Festen sprach er spontan Leute an. Ein Gespräch führte zum nächsten, und die Sammlung wuchs.

Die Vorstellung mehrere Hundert Gläser spülen zu müssen, erfüllt sicher so manchen mit blankem Entsetzen. Immerhin ist die Spülmaschine tabu. Die alten Gläser würden das nicht lange mitmachen. Um den Aufwand zu minimieren, versieht Krause jedes Glas mit einem passgenauen Deckel. So verhindert er auch, dass Spinnweben den Blick auf seine Sammlung trüben.

Und welches Glas mag Krause persönlich am liebsten? „Alle. Jedes hat eine eigene Geschichte.“ Zwei Exemplare hat er dem Kelkheimer Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Während er erzählt, nippt er an seinem Apfelwein. Den genießt er nun schon seit rund 20 Jahren aus ein und demselben Glas. Es ist ein ganz schlichtes Exemplar.

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