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Julia Hemming (am Tisch rechts) arbeitet im Gesundheitsamt des Main-Taunus-Kreises. Sie hat die Gründung des Nachtcafés in Hofheim angeregt.

Nachtcafé

Gemeinsam durch die Hofheimer Nacht

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Zweimal im Monat kümmern sich am Samstagabend Ehrenamtliche in Hofheim um Einsame, Ruhelose und Menschen mit psychischen Problemen. Der Landkreis finanziert das Nachtcafé.

Ein paar Windlichter flackern auf dem Tisch. Die Espressomaschine summt, es duftet nach frisch aufgebrühtem Kaffee. In Holzregalen stapeln sich Bücher und bunte Spielekartons. An der Wand hängt eine Dartscheibe. 

Klaus F. (Namen von der Redaktion geändert) sitzt auf einem Stuhl. Den Kopf hat er in eine Hand gestützt. Versonnen blickt er vor sich hin. Seinen richtigen Namen möchte der 57-Jährige nicht in der Zeitung lesen. Und er erzählt auch nicht gerne von sich und seinem Leben. Erst als er Vertrauen gefasst hat, schildert Klaus F., was ihm widerfahren ist. In der Institutsambulanz des Hofheimer Krankenhauses werde er behandelt, sagt er. Nach sechs Arbeitsunfällen als Baumpfleger sei er schwer traumatisiert. „Ich bekomme Medikamente gegen die Angst.“ Seit einigen Jahren ist Klaus F. in Frührente. „Die Arbeit schaffe ich nicht mehr“, sagt er. Nur seine Berufskleidung, die hänge noch immer bei ihm im Schrank. „Als Erinnerung an all die Jahre.“ 

Klaus F. ist Stammgast im Nachtcafé, das der Main-Taunus-Kreis jeden zweiten Samstagabend in der Hofheimer Wilhelmstraße öffnet. Hier, so sagt er, könne er über die traumatischen Erlebnisse erzählen: Als er mit der Motorsäge in der Hand einen steilen Abhang hinunterrutschte und um sein Leben fürchtete. Als immer wieder Arbeitskollegen durch umstürzende Bäume zu Tode kamen. „Normalerweise will das keiner hören. Da bin ich mit meiner Geschichte alleine, ausgeschlossen von der Gesellschaft. Aber hier, im Nachtcafé, gibt es Menschen, die Verständnis für das alles haben und die mir zuhören.“

Im Nachtcafé können zwanglos Kontakte geknüpft werden

Mit am Tisch sitzt an diesem Samstagabend Isabelle Röver. Sie ist Sozialarbeiterin in der Psychiatrie der Main-Taunus-Kliniken. In der Gruppe, die sie in der Tagesklinik leitet, hat sie Werbung für das Nachtcafé gemacht. Als ehrenamtliche Helferin kommt sie immer wieder privat für ein paar Stunden vorbei, um da zu sein für Menschen, die psychische Probleme haben und die sich am Samstagabend einsam in ihren vier Wänden fühlen. Das Nachtcafé sei ein niedrigschwelliges Angebot, sagt sie. „Hier können auf zwanglose Weise Kontakte geknüpft werden. Wer möchte, kann auch einfach nur still dabeisitzen und eine Tasse Tee trinken.“

Dass das Café abends und am Wochenende seine Pforten öffnet, sei besonders wichtig. „Zu dieser Zeit gibt es kein Angebot für Menschen, die in Lebenskrisen stecken oder psychische Probleme haben. Dabei ist am Wochenende und in der Nacht die Not am größten.“ Um das Café in den Räumen der Diakonie besuchen zu können, sei keine psychiatrische Diagnose erforderlich. „Jeder kann vorbeikommen und bleiben, so lange er mag.“

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An manchen Abenden gibt es Programm im Nachtcafé. Es wird gemalt, gebastelt und gekocht; auch Seifen haben die Besucher schon selbst hergestellt. Und Klaus F. hat einmal seine Gitarre mitgebracht und Musik für die anderen gemacht.

Heute schlüpft er in die Rolle des Beraters – zum Beispiel für Peter K., der zum ersten Mal ins Hofheimer Nachtcafé gekommen ist. Klaus F. erzählt von seinem Engagement im kommunalen Behindertenbeirat der Kreisstadt, vom Bundesteilhabegesetz, von einem Workshop zum Thema Inklusion, an dem er teilgenommen hat, und von einer Forschungsgruppe, die sich mit Euthanasieopfern in Hadamar befasst.

Peter K. hört interessiert zu. Seit einem Schlaganfall leide er unter Depressionen, erzählt der 62-Jährige. In der Ambulanz des Hofheimer Krankenhauses habe er den Flyer für das Nachtcafé ausliegen sehen. „Da hab’ ich mir gedacht, ich schau mal vorbei.“ Eigentlich, sagt Peter K., gehe es ihm ganz gut. Die Medikamente, die ihm der Neurologe verschrieben habe, wirkten. Er könne auch wieder arbeiten. „Aber abends, da sitze ich alleine zu Hause, da ist es hier doch viel besser.“

Einige Besucher sind zu Stammgästen geworden

Das findet auch die Frau mit den schulterlangen braunen Haaren, die ein bisschen abseits in der Küche steht und die FR-Reporterin und den Fotografen argwöhnisch mustert, ehe sie sich auf ein Gespräch einlässt. Sie möchte „Elle“ genannt werden und erzählt von den Samstagabenden, an denen sie vor dem Fernseher sitzt und ihr Lebensgefährte vor dem Computer. Schweigend. „Das ist total langweilig, da gehe ich lieber ins Nachtcafé, da ist immer was los.“ Heute Abend hat sich „Elle“, in deren Leben ein schwerer Verkehrsunfall eine entscheidende Rolle gespielt hat, schon mit Nathalie Beck unterhalten. Beck ist Fallmanagerin für Hartz- IV-Bezieher im Sozialamt des Main-Taunus-Kreises und zum ersten Mal als ehrenamtliche Helferin im Nachtcafé dabei. Übers Intranet des Landratsamts habe sie von dem Projekt erfahren und sofort beschlossen: „Da mache ich mit.“

Die Idee, eine nächtliche Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Problemen im Kreis zu schaffen, stammt von Julia Hemming. Sie arbeitet im Gesundheitsamt des Main-Taunus-Kreises und kennt die Betreuungslücke, die speziell an Wochenenden Menschen, die an Ängsten und Depressionen leiden, nicht zur Ruhe kommen lässt. Die drei psychosozialen Zentren im Kreis, die Tagesstätten, der sozialpsychiatrische Dienst, die Institutsambulanzen der Kliniken in Hofheim und Bad Soden – all das gibt es nur wochentags. „Da sind die Leute gut versorgt. Wir wollen, dass sie auch eine Anlaufstelle außerhalb der Öffnungszeiten regulärer Hilfsangebote haben. Dafür ist das Nachtcafé gedacht.“

Auf den Stühlen rund um den großen Holztisch und auf dem bequemen lindgrünen Sofa am Fenster nehmen laut Julia Hemming pro Abend zwischen fünf und zehn Menschen Platz. Manche kommen nur einmal vorbei, einige sind zu Stammgästen geworden.

Peter F. könnte bald dazugehören. Er müsse zwar auf die Uhr schauen, damit er seinen Zug nicht verpasse, sagt der 62-Jährige. Aber eine Runde Mensch ärgere Dich nicht mit Nathalie Beck ist an diesem Abend noch drin. Wenn das Nachtcafé in zwei Wochen öffnet, will Peter F. wiederkommen, um zu beweisen: „Beim Mensch ärgere Dich nicht, da bin ich unschlagbar.“

Angebot

Das Nachtcafé des Main-Taunus-Kreises ist jeden ersten und dritten Samstag im Monat jeweils von 20 bis 1 Uhr geöffnet.

Gestartet hat der Landkreis das Angebot im Juli 2018 in den Räumen des Evangelischen Vereins für Innere Mission (Evim) in der Bienerstraße in Hofheim.

Im November vergangenen Jahres ist das Nachtcafé in die Räume des Diakonischen Werks , Wilhelmstraße 19, umgezogen. Der Ort ist zentral in der Stadt gelegen und zu Fuß vom Bahnhof gut erreichbar.

Anmelden müssen sich die Besucher des Nachtcafés nicht. Getränke und Knabbereien sind kostenlos. Nähere Informationen gibt es unter Telefon 06192 / 2011 636.

Weitere ehrenamtliche Helfer werden gesucht. Wer Interesse hat, im Nachtcafé mitzuarbeiten, meldet sich bei Julia Hemming im Gesundheitsamt des Main-Taunus-Kreises, E-Mail: julia.hemming@mtk.org. (aro)

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