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Was tun gegen junge Schläger?

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Schlägerei auf dem Schulhof - das gibt es auch im Main-Taunus-Kreis.
Schlägerei auf dem Schulhof - das gibt es auch im Main-Taunus-Kreis. © dpa

Rollenspiele oder Kampfsport: Zur Gewaltprävention bei Jugendlichen werden im Kreis verschiedene Wege ausprobiert. Von Claudia Horkheimer

Von Claudia Horkheimer

Rolf geht leicht geduckt und mit eingezogenem Kopf über den Schulhof. In Gedanken noch beim Mathetest rempelt er aus Versehen Peter an. Der fühlt sich sofort angegriffen."He, was soll das, du Opfer?" schreit er Rolf an und schubst ihn. Rolf ist hilflos...

"Was hätte Rolf anders machen können?", fragt Polizeioberkommissar Uwe Thöne die Schüler der Klasse 8. Er ist mit seinem Gewaltpräventionsprogramm "Cool sein, cool bleiben" im ganzen Kreis unterwegs und in diesen Tagen an der Gesamtschule Am Rosenberg in Hofheim. In Rollenspielsituationen wie dieser zeigt er den 14-Jährigen, wie sich ihr Verhalten und ihre Körpersprache in schwierigen Situationen auswirken.

"Richtig auspowern"

Ortswechsel. Im oberen Stockwerk des Jugendzentrum (JuZ) in Eschborn gibt es Schläge, Kampfschreie ertönen, es riecht nach Schweiß und Anstrengung. "Die Jungs hier sollen sich erst einmal richtig auspowern, das baut Aggressionen ab", sagt Wing-Tsun-Trainer Sihing Ferhat Sen von der WTEO-Kampfkunstschule Eschborn.

Wing Tsun, das bedeutet "schöner Frühling", erklärt Sen. Vielleicht, weil diese auf Selbstverteidigung ausgerichtete Kampfsportart von einer Frau entwickelt wurde. Frauen beziehungsweise Mädchen sieht man an diesem Dienstagabend allerdings nicht.

Und dass die zehn bis 15 Halbstarken, die hier begeistert das Boxen im Keilprinzip üben, diese Techniken zur Verteidigung nötig hätten, erscheint unwahrscheinlich. Dennoch. Für Sen und auch für die Betreuer des Juz ist das Angebot wichtig zur Gewaltprävention. Warum? "Wir schlagen zwar nach vorne, aber wir gehen dabei rückwärts", erklärt Sen. Damit signalisiere man dem Gegner "bitte lass mich in Ruhe" und gleichzeitig "ich kann mich wehren". "Wir bilden die Leute nicht für den Kampf aus, sondern um den Kampf zu vermeiden", betont er.

Wie man die Konfrontation vermeidet, zeigt auch Thöne seinen Schülern. "Tue das Unerwartete", rät der Polizist. Wechsle die Straßenseite, gehe schnell weg und schaue dem Gegner nicht in die Augen, lauten seine Tipps.

"Klappt nicht immer", flüstert Patrick, der schon seine Erfahrungen gemacht hat. Im vergangenen Jahr wurde er auf der Kerb von 20 Jugendlichen "abgerippt". "Da kannst du nur machen, was die wollen", sagt er. Die Umstehenden hätten ja selbst Angst gehabt. Wichtig ist laut Thöne deshalb, das "Magnetfeld des Täters" zu verlassen. So gebe man ihm keine Angriffsfläche, um Macht auf einen auszuüben. In dem am Anfang geschilderten Rollenspiel hieße dass, Rolf sagt kurz Entschuldigung und geht schnell weg.

Von Übergriffen Jugendlicher auf andere Jugendliche, Mobbing an Schulen hört man immer wieder. Laut Schulleiter Rolf Richter gibt es Am Rosenberg "nicht eklatant viele Fälle". Dafür tue man aber auch etwas. So kommt nicht nur die Polizei in alle 8. Klassen, sondern es gibt auch Mediation und Sozialtraining. Außerdem stehen Streitschlichter, Klassenrat und Sozialpädagogen als Gesprächspartner bereit. Das Wichtigste sei jedoch die Stärkung des Selbstbewusstseins. Hier kommen Kampfkunsttechniken ins Spiel. Die jedoch nur dann hilfreich seien, wenn sie den Respekt vor sich selbst lehrten und daraus folgend den Respekt vor anderen.

Kai Müller von der Budo-Schule Wiesbaden sieht deshalb den Aspekt der reinen Selbstverteidigung zur Gewaltprävention eher im Hintergrund. "Auf Dauer bringt das nichts, wenn sich nicht auch der Charakter weiter entwickelt." Deshalb rät er Eltern, die ihre Kinder in Kampfkunstkurse schicken wollen, von rein kommerziellen Angeboten ab. Nur dort, wo ein sportlicher Wettkampf stattfinde, verlaufe das Miteinander nach Regeln und fördere so die Selbstkontrolle.

Meditation ist in Sens Schule kein Schwerpunkt. Trotzdem sei die Nachfrage groß, weil die Technik des Wing Tsun einfach zu erlernen sei, da sie auf den Reflexen aufbaue, sagt Sen. Den Kids aus dem Juz macht es allemal Spaß, "weil man lernt, wie man sich wehrt", sagt ein 15-Jähriger.

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