Den Garten genießen ohne dröhnende Flieger am Himmel – dank Corona ist das jetzt in Flörsheim möglich.
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Den Garten genießen ohne dröhnende Flieger am Himmel – dank Corona ist das jetzt in Flörsheim möglich.

Flörsheim

Stille in der Einflugschneise über Flörsheim

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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Seit die Corona-Pandemie den Flugverkehr lähmt, schweben kaum noch Jets über Flörsheim ein. Die Menschen genießen die Lärmpause.

So ruhig war es im Norden von Flörsheim schon lange nicht mehr. Im Wohngebiet rund um die Rheinallee, wo für gewöhnlich die landenden Jets im Minutentakt über die Dächer der Wohnhäuser donnern, ist nur das Rauschen des Windes in den Bäumen zu hören, das Gurren von Tauben und Vogelgezwitscher. Die Nordwestlandebahn, auf die die dröhnenden Flieger für gewöhnlich zusteuern, ist seit 23. März außer Betrieb. Flugzeuge, die wegen der Corona-Pandemie nicht starten können, sind dort abgestellt. Auch die Südbahn auf dem Airport ist gesperrt. Einzig die sogenannte Centerbahn steht noch für Landungen zur Verfügung.

„Wir sehen die Flieger zwar, aber wir hören sie kaum“, sagt Hildegund Klockner, die in der Lahnstraße zu Hause ist. Endlich können sie und ihr Mann bei schönem Wetter raus auf den Balkon, die frische Luft genießen, die Blüten der Apfelbäume riechen. „Das ist ein ganz neues Lebensgefühl.“

Landende Flugzeuge gibt es rund um den Airport nur noch selten zu sehen. Wenn, dann transportieren sie wohl Fracht.

Die Möglichkeit, ungestört vom Fluglärm mit ihren beiden Jungs im Freien zu spielen, nutzt auch Nu Dogan an diesem sonnigen Frühlingstag. Für gewöhnlich muss die Familie in ihrem Haus in der Eppsteiner Straße mit massiven Einschränkungen leben: Schon kurz nach sechs Uhr morgens kündigen sich die ersten Flugzeuge mit dumpfem Grollen an, kurz vor 23 Uhr kommen die letzten. „Es ist total angenehm, dass das jetzt anders ist“, sagt Nu Dogan.

Trotz Frühlingsidylle ohne Fluglärm sind im Flörsheimer Wohngebiet nur wenige Menschen unterwegs. Die meisten Familien haben sich in ihre Häuser, auf Balkone und in Gärten zurückgezogen und genießen dort die ungewohnte Ruhe. Im öffentlichen Raum gelten die üblichen Corona-Beschränkungen. „Betreten der Grünanlage verboten“ steht auf einem Schild am Eingang zum Christian-Georg-Schütz-Park. Alle Spielplätze sind geschlossen. Vor der Kita Sonnengarten haben die Erzieherinnen kleine Heftchen deponiert mit Bildern zum Ausmalen und Puzzles. „Wir vermissen euch“, steht in großen bunten Buchstaben am Holzzaun. Die großen Protestbanner gegen Fluglärm, die früher an vielen Balkonen hingen, sind verschwunden. Stattdessen kleben in den Fenstern bunte Regenbogen-Zeichnungen. „Alles wird gut. Bleibt zu Hause“, ist in Kinderschrift daruntergeschrieben.

Airport-Zahlen

45 270 Fluggäste  zählte Fraport von 20. bis 26. April am Frankfurter Flughafen. Das sind 96,8 Prozent weniger als in der Vergleichswoche 2019.

Das Frachtaufkommen  sank um
12,9 Prozent auf 33 694 Tonnen.

Die Zahl der Flugbewegungen  ging um 84 Prozent auf 1605 Starts und Landungen zurück.

Die Nordwestlandebahn  ist seit 23. März gesperrt und dient als Abstellplatz für Flugzeuge. Die Südbahn ist ebenfalls außer Betrieb, sie wird saniert. Das Check-in für Passagiere ist im Terminal 1, Halle B und C gebündelt.

In Kurzarbeit  sind seit 20. März mehr als 80 Prozent der 22 000 Fraport-Mitarbeiter am Standort Frankfurt. 

Die 85-jährige Erika Fröhlich ist über die ungewohnte Ruhe nicht so glücklich. „Mich haben die Flugzeuge noch nie gestört“, sagt die Rentnerin, die seit Wochen wegen des Virus kaum nach draußen geht. Von ihrem Balkon aus beobachtet sie den tiefblauen Himmel. „So komisch sich das anhört – ich vermisse die Flieger“, sagt Fröhlich.

Ein paar Hundert Meter weiter Richtung Westen sitzt Carola Gottas in ihrem Garten in der Hans-Böckler-Straße. Auf dem Rasen blühen Gänseblümchen, zwischen zwei Bäumen ist eine Slackline gespannt. Die Einflugschneisen zweier Landebahnen kreuzen das Grundstück. Jetzt ist der Himmel frei von Kondensstreifen. Nur hin und wieder kommt ein Flugzeug, das auf die Centerbahn zusteuert. „Kein Vergleich zur Dauerbeschallung in Vor-Corona-Zeiten“, sagt Gottas. Endlich könne sie unbekümmert mit ihren beiden Töchtern im Freien sein, auch mal spontan zu einer Fahrradtour aufbrechen, ohne vorher die Windrichtung zu checken. „Bei Ostwind ist es sonst draußen nur schwer auszuhalten“, sagt die Sprecherin der Bürgerinitiative Flörsheim-Hochheim. Nicht nur wegen des Fluglärms. „Die Riesenschatten, die die Flugzeuge bei schönem Wetter auf den Boden werfen, jagen den Puls auch jedes Mal nach oben.“

Dass der „Luxus“, den sie jetzt in ihrem Garten in der Einflugschneise genießt, nicht für immer anhalten wird, weiß Gottas. Und doch ist da die Hoffnung, dass ein Umdenken stattfinden wird. Dass nicht jeder, der bislang meinte, innerhalb Deutschlands Kurzstrecke fliegen zu müssen, dies auch in Zukunft tun wird; dass Videokonferenzen Meetings ablösen werden; die Klimaforderungen der Fridays-for-Future-Bewegung mehr Menschen dazu bringen, für eine Urlaubsreise nicht mehr um die halbe Welt zu jetten.

Ähnliche Hoffnungen hegt auch Flörsheims Bürgermeister Bernd Blisch. Schon kurz nachdem der Flugbetrieb auf dem Airport massiv zurückgefahren wurde, sprach der CDU-Politiker von einem „Treppenwitz“: Jahrelange politische Debatten, Bürgerproteste und Millionen Euro, die für Gerichtsverhandlungen ausgegeben wurden, hätten nicht dazu geführt, dass die Stadt vom Fluglärm entlastet werde. „Jetzt schafft das ein Virus quasi durch die Hintertür.“

Mittlerweile sieht Blisch Corona und die Folgen auch für seine Stadt als „zweischneidige Sache“. Zwar brauche der Pfarrer auf dem Friedhof kein Megafon mehr, um sich gegen die dröhnenden Jets Gehör zu verschaffen. „Es können wegen Corona aber keine größeren Beerdigungen stattfinden“, gibt Blisch zu bedenken. Und Feste, bei denen sich die Besucher früher vom Fluglärm gestört fühlten, seien jetzt wegen der Pandemie ganz abgesagt. „Das ist ein hoher Preis, den wir zahlen.“ Er würde sich wünschen, „dass wir einen Weg finden, wie wir das normale Leben hochfahren, ohne dass der Fluglärm wieder so stark zunimmt“, sagt der Flörsheimer Bürgermeister.

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