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Die Kletterwand auf dem Recycling-Gelände in Wicker ist nur was für Schwindelfreie.

Flörsheim

Denn sie wissen, was sie tun

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Kletterer am Biomassekraftwerk in Flörsheim hängen am Leben und am Seil eines anderen.

Wer zum Kletterfest der „Kletterfreunde Wicker“ will, muss erst mal klettern. Über die Leitplanken an der B 40 und dann durchs verdorrte Gestrüpp zwischen Parkplatz und eingezäuntem Klettergelände. Die einzige Fußgängerbrücke zur Steilwand ist gesperrt, ein Lkw mit Aufleger hat sie zu heftig gerammt. Die mächtige Kletterwand aus imitierten Felsen, so genannte T-Wall-Elemente, ist fest mit einer Wand des Kesselhauses vom Biomassekraftwerk verschraubt. Ragt 19 Meter hoch, scheinbar bis an die Grenze zum Himmel.

„Ungefähr 36 bis 38 Grad sind es vor der Wand“, schätzt Kletterfreak Michael Heß. Die „Wohlfühlspanne“ liege zehn Grad niedriger. Die Hitze vor und in der Wand schreckt hier niemanden, viel zu sehr lieben die Kletterfreunde ihr Hobby. Die Körperarbeit mit Seil und Haken, mit Klettergurt und speziellen Kletterschuhen, den Kick nach Bewältigung einer Tour, deren Schwierigkeitsgrad stets selbst gewählt ist. Die Ausrüstung bringt hier jeder selbst mit. Auf sie muss man sich verlassen können. Und auf denjenigen, der unten steht und den Kletternden am Seil sichert. „Man hängt ja am Leben“, sagt Hans-Josef Schwab, wie Heß einer der Gründungsväter der neueren Kletter-Geschichte.

Neunzehn Meter Kletterspielwiese mit 23 unterschiedlichen Einstiegen und jeweils zwei bis drei Routen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad bis Stufe neun von elf möglichen, das kann kaum eine Kletterhalle bieten. Natürlich müssen Kletterer auch raus, suchen das Naturerlebnis. Aber das ist meist mehr Aufwand fürs Abenteuer, weitere Fahrten sind nötig.

Die „Kletterfreunde Wicker“ sind ein eingetragener Verein, die Aufnahmegebühr beträgt 20 Euro.

Für 60 Euro Jahresbeitrag kann man so oft klettern, wie man will. Nur Clubmitgliedern ist der Zutritt zum Werksgelände der MTR GmbH gestattet. 

Abenteuerlich ist auch das Umfeld der Wand am Biomassekraftwerk auf dem Main-Taunus-Recycling-Gelände (MTR) zwischen Wicker und Hochheim. Jede Menge Hochspannungsmasten, von denen sich Greifvögel auf ihre bequem zu holende Nahrung von der Anlage stürzen. Störche leben hier, es riecht, na ja, schon ein bisschen nach Mülldeponie. Die Linien der Verbindungsdrähte zwischen den Masten werden im Minutentakt von den Einflugrouten der Flugzeuge Richtung Rhein-Main gekreuzt, zum Greifen nah und immer zu hören sind die Flieger, wenn man in der Wand ist und den richtigen Griff sucht. Stört alles nicht, die Kletterfreunde Wicker e.V., viele tragen beim Kletterfest das leuchtend-grüne T-Shirt mit Vereinslogo, sind froh, dass sie bei MTR eine Heimat haben.

Im Oktober waren sie plötzlich heimatlos. Für das Unternehmen, das Eigentümer der Wand ist, hat sich der Betrieb nicht gelohnt, der vor knapp 18 Jahren mit der Bergsteiger-Legende Reinhold Messner eröffnet wurde. Den eingetragenen Verein haben Heß und Schwab und dessen Frau Karin Irmscher und noch eine Handvoll weiterer Kletterfreaks im Januar gegründet, um mit MTR einen Pachtvertrag abschließen zu können. Mitte März wurde er von beiden Seiten unterschrieben. Nur Clubmitglieder dürfen sich auf den beschwerlichen Weg nach oben und am Seil schwingend hinunter machen. Von 7 bis 22 Uhr haben sie mit ihrem persönlichen Chip Zugang zum Gelände. Knapp 250 sind schon eingetragen, neue Kletterfreunde sind herzlich willkommen, wenn sie sich an die Regeln halten und unterschreiben, dass sie auf eigene Gefahr im Recyclingwerk klettern.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter https://kletterfreunde-wicker.de.

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