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Falls das Motorrad in die Leitplanke fährt, tut’s nicht weh.

Flörsheim

Computerspiele im Pflegeheim in Flörsheim

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In der Seniorenresidenz Eduard Schwerzel in Flörsheim darf gezockt werden. Die Bewohner testen, wie wirksam speziell für sie entwickelte Videospiele sind.

Elisabeth Grüner schwingt ihren rechten Arm nach vorne. Auf der virtuellen Kegelbahn rollt die Kugel, acht Kegel fallen um. „Das war ein ausgezeichneter Wurf“, sagt Jens Brandis, Projektleiter bei Retro Brain. Die 78-jährige Flörsheimerin strahlt. „Das ist ein tolles Spiel, sagt sie. „Ich bin selbst erstaunt, dass ich das so gut kann.“

Elisabeth Grüner ist eine von fünf Seniorinnen, die an der Studie teilnehmen, die zurzeit im Eduard-Schwerzel-Heim in Flörsheim läuft. Die Wirksamkeit von therapeutischen Computerspielen zur Prävention in Pflegeeinrichtungen soll getestet werden. Die Spielekonsole und die Software für die Videospiele hat das Hamburger Startup Retro Brain R&D entwickelt und damit bereits Preise gewonnen. Die Barmer-Krankenkasse gibt Geld für das Projekt: 2,9 Millionen Euro habe die Barmer insgesamt für Prävention in der Pflege bereitgestellt, sagt Hessen-Geschäftsführer Norbert Sudhoff. Die Studie zur Memore Box werde gefördert, „weil wir glauben, dass Digitalisierung keine Frage des Alters ist und dass sie auch in der Pflege ihren Platz hat – als Ergänzung zur klassischen Arbeit“.

Die Erfinder der Computerspiele für Pflegeheimbewohner haben darauf geachtet, dass die Bedienung der Konsole einfach ist, dass im Stehen oder Sitzen gespielt werden kann und die Bewegungen der Spielenden per Kamera direkt ins Spiel übertragen werden. Ingrid Dengler, die sich für „Motorradfahren“ entschieden hat, muss deshalb nur das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagern und den Oberkörper zur Seite bewegen, um das Zweirad auf dem Bildschirm über die Straße zu steuern. Wenn sie in die Leitplanken fährt oder ein Hindernis streift, ist das nicht schlimm. „Das Gerät merkt sich, wie gut jemand das Spiel beherrscht und passt den Schwierigkeitsgrad an“, erklärt Jens Brandis. Das Erfolgserlebnis stehe im Vordergrund. Dass die Spielenden überreizt oder gar überfordert seien, wie zum Teil bei herkömmlichen Computerspielen, komme bei der Memore Box nicht vor. „Wir wollen, dass die Senioren Spaß haben, dass sie stolz sind auf das, was sie noch können und neue Fähigkeiten an sich entdecken.“

Die Spielekonsole Memore Box mit Videospielen für Senioren hat das Hamburger Startup Retro Brain R&D GmbH entwickelt.

Das Computerspielesystem wird zur Prävention in Pflegeeinrichtungen eingesetzt. 

Auf ihre Wirksamkeit wird die Memore Box aktuell in einer Studie getestet.

100 Pflegeeinrichtungen in Deutschland nehmen an der Studie teil, vier sind es in Hessen. Die Seniorenresidenz Eduard Schwerzel in Flörsheim ist eine von ihnen.  

Die Studie sieht vor, dass ein Jahr lang drei Mal pro Woche jeweils eine Stunde an der Konsole trainiert wird. Fünf aktive Spieler gibt es und fünf Studienteilnehmer, die selbst nicht spielen, aber ebenfalls Fragebögen zu kognitiven und motorischen Fähigkeiten ausfüllen. „Wir sind schon sehr gespannt, welche Fortschritte und Auswirkungen wir bei den Teilnehmerinnen beobachten können“, sagt die Pflegedienstleiterin der Flörsheimer Seniorenresidenz, Lydia Kahl. „Wir wollen mit dem digitalen Fortschritt mitgehen, sehen, dass wir unsere Bewohner auf neue Weise motivieren können.“ Zusätzliches Personal sei für die Memore Box im Pflegeheim nicht nötig, sagt Sozialdienstleiterin Susanne Wiederhold. Der Tagesablauf werde allenfalls ein wenig umstrukturiert, damit Pfleger und Heimbewohner gemeinsam spielen können.

Mit Kegeln, Tischtennis, Motorradfahren und einem Postbotenspiel habe es zunächst vier Module für die Memore Box gegeben, berichtet Jens Brandis. Bei einer Umfrage wünschten sich Senioren noch Spiele zum Singen und Tanzen. Und die kommen auch im Flörsheimer Pflegeheim gut an. „Hoch auf dem gelben Wagen“ haben sich die Studienteilnehmerinnen ausgesucht, um es der FR-Reporterin vorzusingen. Mit Handbewegungen wird das Programm gesteuert und das Lied angewählt. Dann läuft wie beim Karaoke der Text über den Bildschirm, und die Musik ertönt aus den Lautsprecherboxen.

Am Ende tanzen zwei der Frauen noch zu Helene Fischers Schlager „Atemlos durch die Nacht“. Avatarin Anna zeigt ihnen auf dem Bildschirm, welche Bewegungen sie zur Musik machen sollen: Die Arme hoch und nach rechts und links strecken, mit dem Becken kreisen, kleine Schritte nach vorne und zurück machen.

„Ich hab als junges Mädchen gerne getanzt. Walzer, Tango und Cha Cha Cha“, sagt Ingeborg Henne, die in wenigen Tagen ihren 81. Geburtstag feiert. Jetzt wollen die Füße nicht mehr. „Aber im Sitzen macht Tanzen ja auch Spaß.“

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