1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Main-Taunus-Kreis

"Flerschemerisch" für Fortgeschrittene

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Renate Mohr kennt sich mit dem "Flerschemer Platt" aus.
Renate Mohr kennt sich mit dem "Flerschemer Platt" aus. © FR/Schick

Die Flörsheimerin Renate Mohr hat den Dialekt ihres Heimatortes gesammelt und in einem Lexikon zusammengefasst. Von Gesa Fritz

Von Gesa Fritz

Renate Mohr hat ein besonderes Gespür für die Sprache. Genauer: Für den ganz speziellen Flörsheimer Dialekt. Sie erlauscht, dass der Fluss auf seinem Weg gen Mainz in Eddersheim noch "Ma" heißt, in Flörsheim aber schon "Moo" genannt wird. Schon als Kind maß sie die feinere Gesellschaft an ihren Worten. In den besseren Flörsheimer Kreisen wusch man sich die Hände mit "Saif" nur die niederen Schichten benutzten für die Reinigung "Saaf".

"Ich bin nur eine einfache Hausfrau", sagt die 70-Jährige. Ihr Wissen um die Worte hat keinen akademischen Hintergrund. Das betont sie immer wieder. Und dass die Flörsheimer Stadtbücherei Mohr bei einer Veranstaltung zur Mundartexpertin erhoben hat, bringt sie zum Lächeln.

Mohr sammelt Worte. Worte aus ihrer Kindheit, Worte aus Gesprächen mit Bekannten und aus Straßenplaudereien. Sie vergleicht ihre Flörsheimer Fundstücke mit Lexika über hessische Dialekte. "Flörsheim hat seine ganz eigenen Wörter und Ausdrücke", sagt die Autodidaktin.

Vor einigen Monaten hat sie begonnen, ein eigenes Flörsheimer Wörterbuch zu verfassen. Auf ihrer Schreibmaschine tippt sie die Begriffe auf gelochte DIN-A5-Seiten. "Amberasch" ist das Durcheinander, "Laadmut" die Traurigkeit und "Urumbel" der ungehobelte Mensch.

Aber ganz besonders, so ihre Beobachtung, huldige das Flerschemer Platt dem Buchstaben o. "Flörsheim war sehr dörflich", sagt sie. Das, so ihre These, hätte die Entwicklung eines eigenen Dialektes begünstigt.

Renate Mohr stammt aus einem alten Flörsheimer Geschlecht, bis heute wohnt sie in ihrem Elternhaus. Sie hat die Handelsschule besucht und dann bis zu ihrer Hochzeit als Stenotypistin gearbeitet.

Wenn die Hausfrau in der Stadtbücherei "Von Allmoi bis Zwibbelschlott" über fast vergessene Ausdrücke aus dem Platt plaudert, strömt jenes ältere Publikum, um das die Bibliothek sonst vergeblich buhlt, in Scharen herbei. Wenn sie beim Lesemarathon den Struwwelpeter mit Flörsheimer Zungenschlag vorträgt und vom Keltern und Apfelwein erzählt, muss das Heimatmuseum wegen Überfüllung geschlossen werden.

Doch auch in Flörsheim sind es vor allem die älteren Mitbürger, die sich für den besonderen Klang des Mainstadt-Dialekts interessieren. Immer weniger Platt wird gesprochen, immer mehr Worte geraten in Vergessenheit.

"Die Mundart darf nicht verloren gehen, sie gehört einfach zu unserem Flörsheim", sagt Renate Mohr beschwörend. Und deshalb sammelt die 70-Jährige weiterhin fleißig ihre Flörsheimer Worte und hält sie auf eng betippten DIN-A5-Seiten fest.

Auch interessant

Kommentare