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Arbeit an den Bücherboxen.

Kelkheim

Buchboxen erzählen Geschichten

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Studenten der Frankfurter Goethe-Uni starten ein Projekt mit Flüchtlingen.

Der Roman „Tränen auf der Terrasse“ ist Regat Samson zu schade, um ihm mit dem Teppichmesser zu Leibe zu rücken. „Die Geschichte hat mir zu gut gefallen“, sagt sie – und so macht sie sich nun am „Münchener Kommentar zum Handelsgesetzbuch“ zu schaffen. Gemeinsam mit zehn weiteren Flüchtlingen ist die junge Frau aus Eritrea in die Räume der katholische Matthäus-Gemeinde in Ruppertshain gekommen, um an dem Projekt „Hidden Stories“ der Studenteninitiative Enactus teilzunehmen.

Dabei sollen alte Bücher in Buch-Boxen verwandelt werden. „Die sind derzeit super-in“, sagt Desiree Spieß, etwa als Behältnis für Geschenke oder in Form eines aufklappbaren Spiegels. Zusammen mit ihrer Kommilitonin Julia Goltz leitet die 21-Jährige die Flüchtlinge an. Jede der Boxen, für die die Buchbäuche ausgehöhlt und die Buchrücken mit Stoff oder anderen Materialien geschmückt werden, soll künftig eine individuelle Geschichte erzählen. Dazu können die Flüchtlinge sie auch mit einem kurzen Text versehen.

Wenn sie fertig sind, sollen die Boxen verkauft werden, etwa bei der Interkulturellen Woche oder über das internationale Netzwerk Enactus, das seit zwei Jahren an der Goethe-Universität in Frankfurt präsent ist. Den Kontakt zu den Studenten hat Klaus-Peter Meier von der evangelischen Johannes-Gemeinde in Fischbach hergestellt, der sich selbst für Enactus engagiert.

„Wir sind eine soziale Initiative, aber mit einem wirtschaftlichen Hintergrund“, erläutert Julia Goltz. Deshalb sollen die Flüchtlinge von ihrer Arbeit auch profitieren. Das eingenommene Geld soll in weitere Projekte re-investiert werden. Das können weitere handwerkliche Übungen sein, aber auch ein Bewerbungstraining.

Der wirtschaftliche Aspekt ist für Regat Samson allerdings weniger relevant. „Ich bin glücklich, mit den anderen gemeinsam etwas zu gestalten“, schildert sie ihre Motivation. Seit immerhin schon einem Jahr und sieben Monaten lebt sie in Deutschland. Was ihr dabei am meisten fehle, sei eine sinnvolle Beschäftigung.

Das sei wegen des Arbeitsverbots für viele Flüchtlinge ein Problem, sagt Conny Fette, die sich gemeinsam mit 15 weiteren Helferinnen und Helfern um die mehr als 100 Asylbewerber in Ruppertshain kümmert. Diese wohnen zwar überwiegend in Gemeinschaftsunterkünften. Doch auch dort gebe es nur wenige Möglichkeiten, etwas gemeinsam zu unternehmen.

Deshalb sind die Helfer in Ruppertshain dabei, ein entsprechendes Angebot aufzubauen. So bieten zwei von ihnen jeweils mittwochs Deutschunterricht an. Donnerstags gibt es einen Strickkurs. Außerdem stehen gemeinsame Wanderungen oder Ausflüge zum Tanzen auf dem Programm. Und einmal im Monat wird zusammen gekocht.

Große Hilfsbereitschaft

„Ich bin sehr berührt von der großen Hilfsbereitschaft“, sagt Salome Korschinowski, die sich früher als Einzelkämpferin um die Ruppertshainer Flüchtlinge gekümmert hat. „Ich bekomme jeden Tag Anrufe von Menschen, die ihre Hilfe anbieten.“ Conny Fette räumt ein, sie habe dabei erst einmal eine Hemmschwelle zu überwinden gehabt. „Doch wenn man erlebt, wie offen die Menschen sind, fällt es leicht.“

Sehr positiv habe sich inzwischen der Kontakt zum Main-Taunus-Kreis entwickelt, teilt Salome Korschinowski mit. 2011 hatte die FR unter der Überschrift „Schimmel und winzige Räume“ über die Gemeinschaftsunterkunft an der Robert-Koch-Straße berichtet. Seitdem habe sich vieles verbessert, lobt Korschinowski. Das Gebäude sei renoviert worden und der zuständige Sozialarbeiter kümmere sich sehr engagiert um die Flüchtlinge.

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