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Probe des Stücks "Luise will nach Hause".
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Probe des Stücks "Luise will nach Hause".

Eschborn Demenzforum

Den Wald im Gepäck

  • Kerstin Klamroth
    VonKerstin Klamroth
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Die Andreasgemeinde in Eschborn lädt zu einem Demenzforum. Im Mittelpunkt steht das Theaterprojekt „Herbstzeit“. Daran beteiligen sich auch von der Krankheit Betroffene.

Die Andreasgemeinde in Eschborn lädt zu einem Demenzforum. Im Mittelpunkt steht das Theaterprojekt „Herbstzeit“. Daran beteiligen sich auch von der Krankheit Betroffene.

Demenz ist ein trauriges Thema. Dass es aber selbst bei einer so schwerwiegenden Erkrankung Momente der Freude geben kann, will die Andreasgemeinde Niederhöchstadt bei ihrem Demenzforum von 23. bis 26. Januar zeigen. Im Mittelpunkt steht das Theaterprojekt „Herbstzeit“. Gemeinsam mit demenziell Erkrankten haben Regisseur Timo Becker, sein Assistent Adriano Werner, die Gerontologin Waltraud Kraft und Mitglieder der Niederhöchstädter Theatergruppe „Die Altstarken“ das Stück „Luise will nach Hause“ entwickelt.

Spontaneität und Kraft

Die Arbeit mit Demenzkranken hat in der Andreasgemeinde seit 2011 ihren Platz. Waltraud Kraft, Leiterin der Seniorenarbeit, bietet wöchentlich eine Betreuungsgruppe an und begleitet und berät Angehörige im häuslichen Umfeld. Auf dieser Basis konnte im August der vergangen Jahres die Theaterarbeit wachsen. Mit 10 300 Euro hat die Landesstiftung „Miteinander in Hessen“ das Projekt bezuschusst. Einmal in der Woche trafen sich rund 25 Angehörige und Erkrankte, zunächst zum Kaffeetrinken, dann zum Proben. „Uns war es wichtig, nicht bei den Defiziten, sondern den Potentialen der Menschen anzusetzen“, sagt Waltraud Kraft.

Was dies bedeutet, schildert Regisseur Timo Becker, der eigens für dieses Projekt eine Ausbildung in Dramatherapie absolviert hat, in bewegenden Szenen. Demenzkranke ernten im Alltag oft Kritik, weil sie manches verwechseln und durcheinanderbringen. In der Poesie und im Theaterspiel aber, so Becker, gibt es kein richtig oder falsch. Da darf man eben bei dem bekannten Spiel: „Ich packe meinen Koffer und nehme..... mit“ auch einen Wald ins Gepäck laden und daraus eine Geschichte entwickeln.

„Immer wieder überrascht“ waren Becker und Kraft von der „Spontaneität und Kreativität“ der Demenzkranken. „Wunderbare Sprüche und Ideen“ haben sie bei den Proben für das Theaterstück sammeln können. Darin sucht Hauptfigur Luise auf dem Dachboden nach ihrem Mantel und stößt auf allerlei Fundstücke, die sie an Vergangenes erinnern: Liebesbriefe, ein Bild ihres Vaters, einen Spiegel. Zudem werden auf der Bühne in humorvoller Weise auch die Schwierigkeiten Luises mit ihrer Tochter thematisiert.

Nicht nur bei den Theatermachern, auch bei den Demenzkranken haben die gemeinsamen Proben Spuren hinterlassen. Bei einer Improvisationsübung zum Thema Orchester zum Beispiel grub ein Mann aus seinem Gedächtnis aus, dass er früher in einer Rockgruppe Gitarre gespielt hatte. Zu Hause holte er das Instrument wieder hervor und begleitet seither die Theatergruppe mit Musik.

Angehörige berichteten, dass sie über die Biographiearbeit einen neuen Zugang zu den Erkrankten gefunden hätten. „Theater mit Demenzkranken ist Theater für den Moment“, sagt Timo Becker. „Eigentlich wollen sich Senioren mit dem Thema Demenz gar nicht beschäftigen, da es Angst macht. Wir aber haben im Spiel miteinander auch viel Spaß gehabt.“

Für Becker ist es das letzte Projekt in der Andreasgemeinde. Nach zehn Jahren Arbeit und 23 Produktionen mit den Schauspielern der „Andydrama“-Amateurtheatergruppe hat der 30 Jahre alte Theaterpädagoge nun gekündigt. Als Zivildienstleistender kam Becker 2004 in die Andreasgemeinde, beteiligte sich an der Seniorenarbeit und probte Musicals. Danach begann er sein Studium und erhielt einen Lehrauftrag an der Frankfurter Fachhochschule für Kulturästhetik und Medien. Nun zieht es ihn zu neuen Abenteuern. Welche, das kann Becker noch nicht sagen. In jedem Fall wird er für das Projekt „Herbstzeit“ weiter zur Verfügung stehen.

Denn dies soll nun auch anderen Gemeinden und Institutionen zugute kommen. Dafür wird in Zukunft die Stiftung Diadem der Diakonie in Hessen und Nassau sorgen. Ziel ist es, die Demenz-Erkrankung von ihrem Stigma zu befreien. Becker und Kraft wollen ihre Erfahrungen gerne weitergeben. Interessenten können sich unter der Telefonnummer 06173/998761 bei der Andreasgemeinde melden.

Videos, Fotos und Improvisationsübungen des Theaterprojektes „Herbstzeit“ werden in einem Workshop auch beim Demenzforum am 26. Januar vorgestellt. Außerdem ist der Film „Vergiss mein nicht“ des Bad Homburger Regisseurs David Sieveking zu sehen. Er thematisiert darin die Demenzerkrankung seiner Mutter. In Referaten und Vorträgen von Medizinern, Psychologen, Wissenschaftlern und Altenhelfern beleuchtet das Forum zudem die medizinische, soziale und rechtliche Seite der Demenz.

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