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Eschborns Bürgermeister Adnan Shaikh.

Interview

„Es geht nicht darum, Digitalisierung zum Selbstzweck zu machen“

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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Eschborns Bürgermeister Adnan Shaikh über smarte Verkehrssteuerung, analogen Service im Rathaus und das Arbeiten der Mitarbeiter im Homeoffice.

Herr Shaikh, Sie haben vor Ihrer Wahl zum Bürgermeister angekündigt, Eschborn zur Smart City zu machen. Die Stadt sollte bei der Digitalisierung zur Leuchtturmkommune in der Region werden. Wie weit sind Sie mit Ihren Plänen gekommen?

Wir haben in mehreren Bereichen damit begonnen, die Digitalisierung in Eschborn voranzutreiben. Alleine das Onlinezugangsgesetz verpflichtet alle Ebenen der Verwaltung, bis Ende 2022 in Summe 538 Verwaltungsabläufe digital anzubieten. Davon fallen etwa 230 Vorgänge in städtische Verantwortung – von der Terminvergabe bis zum Beantragen eines neuen Personalausweises. Daran arbeiten wir. Seit Anfang August gibt es einen neuen Mitarbeiter, der sich als mein persönlicher Referent federführend um das Thema Digitalisierung kümmert. Seine Aufgabe wird es sein, die verschiedenen Themenstränge miteinander zu vernetzen und die Umsetzung des digitalen Rathauses voranzutreiben.

Sie sprachen von der Digitalisierung der Verwaltung. Besteht nicht die Gefahr, dass ältere Menschen, die nicht so computeraffin sind wie die jungen, bei dieser Entwicklung auf der Strecke bleiben?

Es geht auf keinen Fall darum, Digitalisierung zum Selbstzweck zu machen. Das Rathaus soll nicht als Satellit um die Stadt kreisen, sondern die Verwaltung soll weiterhin im Alltag präsent und für die Menschen ansprechbar sein. Wir möchten auf unserem Weg zur Smart City niemanden abhängen. Deshalb treibe ich auch die Einrichtung eines Bürgerbüros voran. Alles, was künftig online erledigt werden kann, muss auch weiterhin analog möglich sein.

Zur Person

Adnan Shaikh (47) ist seit Mitte Februar Bürgermeister von Eschborn. Davor leitete der Christdemokrat die Heinrich-von-Kleist-Schule.

Das Thema digitale Stadt bearbeitet im Eschborner Rathaus Alexander D. Jackson, der als persönlicher Referent des Bürgermeisters eingestellt wurde.

Im Masterplan 2030 ist Digitalisierung ein Querschnittsthema, das auf diverse Lebensbereiche der Bürgerinnen und Bürger ausstrahlt. aro

In welchen Bereichen könnte Eschborn noch zur Smart City werden?

Wir überlegen zum Beispiel, die Straßenbeleuchtung digital und bedarfsgerecht zu steuern und testen dies mit dem Stromversorger Syna bereits in einem Quartier. Das bedeutet, dass Lampen an den Gehwegen abends und nachts gedimmt sind und nur, wenn sich eine Person nähert, auf volle Helligkeit hochfahren. Das verringert die Lichtemission und vor allem den Stromverbrauch. Erstmals wird die smarte Beleuchtung auf einer längeren Strecke zwischen Steinbach und Niederhöchstadt entlang des Fahrradwegs installiert, der 2021 fertig wird. Ein Pilotprojekt zur smarten Beleuchtung könnte ich mir auch im Gewerbegebiet Eschborn-Süd vorstellen, was über die einfache Lichtsteuerung noch hinausgehen könnte.

Wie sieht es mit der digitalen Verkehrssteuerung in Eschborn aus? In größeren Städte gibt es dazu bereits einige Projekte.

Tatsächlich könnte ich mir auch für Eschborn eine digitale Parkplatzbewirtschaftung beziehungsweise Verkehrssteuerung vorstellen. Gerade eine smarte Beleuchtung könnte auch eine Verkehrsanalyse in Echtzeit liefern. Die Mitarbeiter in den großen Gewerbegebieten wären dann in der Lage, vom Schreibtisch aus zu erkennen, wie voll die Straßen sind, und könnten zum Beispiel einige Minuten früher oder später losfahren, um auf dem Heimweg nicht im Stau zu stehen.

Hinter dem Beschluss verbirgt sich die Absicht, dass wir damit mehr Bürgern die Möglichkeit geben, an der Eschborner Kommunalpolitik teilhaben zu können. Auf jeden Fall wäre das Onlinestreaming aus dem Parlament ein Service und bietet eine einfache Möglichkeit, von zu Hause aus den Diskussionen beizuwohnen. Der Magistrat hat jetzt den Auftrag zu prüfen, inwieweit dieser Vorschlag mit Blick auf die Persönlichkeitsrechte der ehrenamtlichen Politiker umsetzbar ist.

Durch die Corona-Pandemie sind viele Arbeitnehmer ins Homeoffice gewechselt. Ist das Arbeiten von zu Hause aus auch für Rathausmitarbeiter eine Möglichkeit? Die technischen Voraussetzungen sind durch die Digitalisierung ja gegeben.

Wir haben durch den Lockdown gelernt, dass die Stadtverwaltung im Homeoffice deutlich besser arbeiten kann, als wir uns das bisher vorstellen konnten. Es sind mittlerweile zahlreiche Telearbeitsplätze für Rathausmitarbeiter eingerichtet worden. Diese Entwicklung möchten wir auch nicht mehr zurückdrehen, denn der Wunsch, ins Homeoffice zu gehen, wird immer stärker und hat sich an vielen Stellen bewährt.

Sensoren überwachen am Darmstädter Kennedyplatz den Verkehr. In Eschborns Gewerbegebieten könnte das auch bald der Fall sein.

Gibt es schon einen Zeitplan, wann die einzelnen Projekte der Digitalisierung in Eschborn umgesetzt werden sollen?

Digitalisierung an sich ist für uns kein eigenes Handlungsfeld, sondern ein Querschnittsthema. Wir führen die einzelnen Projekte Schritt für Schritt zur Umsetzung. Die Digitalisierung kann bei Prozessen viele Vereinfachungen bringen, braucht jedoch auch die Akzeptanz sowohl bei der Belegschaft wie auch in der Bevölkerung. Deshalb möchte ich die Umsetzung so schnell wie möglich voranbringen und dabei möglichst alle mitnehmen. In einigen Bereichen suchen wir auch noch Kooperationspartner und führen hierfür Gespräche – beispielsweise für die digitale Parkplatzbewirtschaftung, den kürzlich beschlossenen autonomen Bus oder smarte Hinweisschilder, die die Bürgerinnen und Bürger sowie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über aktuelle Nachrichten informieren.

Am Geld wird die Entwicklung Eschborns zur Smart City wohl nicht scheitern. Die Stadt ist reich und trotz Corona sprudelt die Gewerbesteuer.

Das stimmt, aktuell haben wir die finanziellen Möglichkeiten. Aber trotzdem gilt für mich als Kämmerer auch in diesem Fall das Gebot der Wirtschaftlichkeit und des sparsamen Handelns, denn die Einnahmesituation kann sich auch plötzlich umkehren. Es geht darum, über den Tellerrand zu schauen und Best-Practice-Beispiele aus anderen Kommunen auf die individuellen Gegebenheiten in unserer Stadt herunterzubrechen. Wir sind nicht die Ersten, die den Weg zur Smart City gehen, aber wir möchten die „Early adopters“ sein.

Interview: Andrea Rost

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