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„Es geht nur noch darum, pro Minute so viel Geld   wie möglich zu verdienen“

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Ich höre ein Rauschen, ein Grollen, ein Donnern. Nein es passt nicht in meinen Traum. Ich öffne die Augen: 4.10 Uhr am Sonntagmorgen. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich schließe das Fenster und versuche wieder einzuschlafen. Das gelingt nur kurzfristig. Nun ist es kurz nach 6 Uhr.

Von Christiane Reitz

Ich höre ein Rauschen, ein Grollen, ein Donnern. Nein es passt nicht in meinen Traum. Ich öffne die Augen: 4.10 Uhr am Sonntagmorgen. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich schließe das Fenster und versuche wieder einzuschlafen. Das gelingt nur kurzfristig. Nun ist es kurz nach 6 Uhr.

Die Flugzeuge donnern im Minutentakt über unser Haus in Hochheim. Auch bei geschlossenem Fenster ist der Lärm absolut nervtötend. Ich habe das Gefühl, sie fliegen direkt durch die Schublade meines Nachtschränkchens und ich kann sehen, ob die Fluggäste Orangen-oder Tomatensaft auf dem Frühstückstablett haben. Ich fühle mich schlecht, bin sauer, genervt und vor allem hilflos und traurig. Man hat keine Chance, dem Lärm zu entgehen. Da bereichern sich einige wenige und wir, die betroffenen Menschen, zählen weniger als ein Straßenhund auf den Philippinen! Man wird regelrecht enteignet. Man nimmt uns die Kontrolle über unser Zuhause.

Wir haben uns unseren Lebenstraum vom eigenen Häuschen erfüllt. Alles was wir haben, haben wir hier reingesteckt. Wir sind gerne zu Hause und tanken hier für unsere Jobs auf. Wir haben super Nachbarn und einen Platz gefunden, an dem wir uns „sauwohl“ fühlen. Uns war schon klar, dass es hier in der Region mehr Lärm gibt als an der Nordsee. Um uns herum gibt es ja auch Bahnlinien und die Autobahn. Fluglärm hatten wir schon die ganze Zeit.

Aber nun wird unser Haus sozusagen in die Schere genommen. Der alte Fluglärm auf der anderen Mainseite bleibt und über unserem Haus fliegen nun zusätzlich Flugzeuge zur neuen Landebahn. Fassungslos stehe ich in der Mainwiese und schaue zu, wie eine lange Kette an Flugzeugen auf die Wiese zusteuert und sich dann auf zwei parallele Linien rechts und links teilt, um gleichzeitig zu landen. Unser Haus und das vieler Nachbarn steht mittendrin.

Wenn ich in der Zeitung lese, dass geplant sei, über 120 Flugzeuge in der Stunde starten und landen zu lassen, wird mir regelrecht schlecht. Herr Schulte freut sich über eine Kapazitätserhöhung von 50 Prozent. Das grenzt für mich an Körperverletzung an den Menschen in der Umgebung. Und das Ganze wird auch noch strahlend in den Nachrichten von unserer Kanzlerin abgenickt.

Was bleibt uns? Unser mit viel Liebe umgebautes und eingerichtetes Häuschen verkaufen? Viele Fragen gehen uns durch den Kopf. Bekommen wir das Geld, das wir hier reingesteckt haben, wieder raus? Wohl im Leben nicht mehr! Eigentlich wollen wir hier auch nicht weg. Die alten, hilfsbedürftigen Eltern in Hochheim zurücklassen und irgendwo hinter Mainz neu anfangen? Morgens zwei Stunden im Stau stehen, bis wir an unserem Arbeitsplatz sind?

Der Ausbau des Flughafens ist garantiert noch lange nicht abgeschlossen. Wenn man sich nun an einem Ort niederlässt, der momentan fluglärmtechnisch nicht so frequentiert ist, wer gibt einem dann die Gewissheit, dass es dort in einigen Jahren nicht genauso aussieht wie heute bei uns!

Wenn ich in der Zeitung lese, dass die Flugzeuge auch viel leiser landen könnten – im Sinkflug –, das aber nicht passiert, da sonst viel weniger Flugzeuge pro Stunde landen könnten, frage ich mich, wo denn die Rechte der Menschen bleiben, die davon betroffen sind. Wo ist die Politik, die sich für uns stark macht, und uns und unsere Kinder schützt?

Ich fühle mich ganz und gar nicht vertreten. Hier geht es nur darum, pro Minute so viel Geld wie möglich zu verdienen. Das Geld steht weit über dem Wohl von Menschenleben.

Wir bekamen unlängst die Unterlagen für den Schallschutz unseres Hauses zugesandt. Hätte man den betroffenen Anwohnern nicht wenigstens vor der Eröffnung der Landebahn die Chance geben müssen, ihre Häuser besser vor Lärm zu schützen? Die Fraport hätte ja eine eigene Abteilung einrichten können, eine „Schallschutzsoko“ sozusagen, die den betroffenen Menschen mit Rat, Tat und Geld beim Umbau ihrer Häuser zur Seite steht.

Richtig bestraft sind wir, wenn wir im nächsten Sommer unsere Gärten nicht mehr ohne Musik im Ohr werden benutzen können. Unsere Grillfeten werden wir dann wahrscheinlich im Keller stattfinden lassen, wenn wir noch hören wollen, was der eine oder andere zu sagen hat.

Ich kann nur hoffen, dass in Bezug auf das Nachtflugverbot wenigstens das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig das Wohl der Menschen im Auge hat und ich berufe mich auf Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes, der lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Denn wenn auch noch das Nachtflugverbot aufgehoben wird und wir diesen Lärm Tag und Nacht ertragen müssen, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.

Christiane Reitz wohnt in Hochheim und leidet unter Fluglärm

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