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Blinde

Eppstein: Nur dicken, grauen Nebel vor Augen

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Ein Gendefekt hat eine Eppsteiner Familie erblinden lassen. Trotzdem stehen Mariechen Müller und ihre Söhne Stefan und Christof mitten im Leben. Jetzt ist ein Buch über sie erschienen.

Christof Müller hat nie viel gesehen. Als Kind konnte er noch Farben und Formen erkennen, später wenigstens hell und dunkel unterscheiden. Heute ist der 51-Jährige komplett blind, genauso wie sein zwei Jahre älterer Bruder Stefan. „Vor meinen Augen ist alles grau in grau, wie dicker Nebel“, berichtet Christof Müller.

Der Eppsteiner hat Renitis pigmentosa. Die Augenerkrankung, bei der die Netzhaut nach und nach zerstört wird, ist wenig erforscht, und sie kann nicht geheilt werden. Ursache ist ein Gendefekt, der vererbt wird. Auch bei den Eltern Mariechen und Josef Müller wurde einst Renitis pigmentosa diagnostiziert. Beide hatten in ihrer Jugend noch einen Sehrest, ehe sie als Erwachsene komplett erblindeten.

Mariechen Müller erinnert sich noch gut an den Moment, als ihr Mann Josef sein Augenlicht verlor. „Der Krankheitsschub ist drei Wochen vor unserer Hochzeit gekommen, quasi über Nacht“, sagt sie. Aufgeben kam für das Paar trotzdem nie infrage. „Wir wollten der Welt beweisen, dass Blindsein kein Grund ist, den Kopf in den Sand zu stecken“, sagt sie. „Wir wollten Kinder haben und ein ganz normales Leben führen.“

Mariechen und Christof Müller in ihrer Küche in Eppstein-Ehlhalten. Alles ist penibel aufgeräumt. Fotos: (4)

Zusammen mit ihrem Sohn Christof sitzt Mariechen Müller in der Küche ihres Hauses im Eppsteiner Stadtteil Ehlhalten. 81 Jahre ist die resolute kleine Frau mittlerweile alt. Das Haus, das in den 1950er Jahren gebaut wurde, habe sie selbst geplant, erzählt sie. „Da konnte ich noch ein bisschen sehen und habe die Pläne auf kariertes Papier gezeichnet.“ Barrierefrei ist es nicht. Doch die Müllers kennen jeden Winkel. Die Wohnküche mit den schlichten weißen Möbeln ist penibel aufgeräumt. Alles hat seinen Platz in Schubladen oder Schränken.

Als Kind war Mariechen Müller die einzige Blinde in Ehlhalten. Der Alltag in dem kleinen Dorf im Taunus sei nicht einfach gewesen, von ihren Eltern sei sie aber immer unterstützt worden, sagt sie. „Des, waste kannst, machste“, habe ihre Mutter zu ihr gesagt, sie aber auch davor gewarnt, sich als Blinde zu erkennen zu geben. „Sonst holen sie dich und sperren dich ein.“

Während des Zweiten Weltkriegs wäre das fast passiert. Die Gestapo kam zum Hof der Familie, wollte „das blinde Kind“ mitnehmen. Mariechen Müller konnte gerade noch weglaufen. Die Polizisten zogen unverrichteter Dinge ab.

Jutta Hajeks Buch „Siehst du die Grenzen nicht, können sie dich nicht aufhalten“ ist im bene! Verlag erschienen. 224 Seiten, 16,99 Euro.

In Brailleschrift erscheint das Buch über die Eppsteiner Familie im Blindenschrift-Verlag Pauline von Mallinckrodt. E-Mail: info@pader-braille.de

Als Hörbuch bietet die Deutsche katholische Blindenbücherei Bonn Jutta Hajeks Buch ab November für blinde und sehbehinderte Menschen zum kostenlosen Ausleihen an. aro

In der Schule bekam Mariechen Müller trotz ihre Behinderung gute Noten. Sie absolvierte eine Ausbildung, arbeitete im Büro. Als ihre beiden Söhne geboren waren, kümmerte sie sich um Haushalt und Kinder. Ihre Mutter unterstützte sie dabei. Mit gerade einmal 50 Jahren erkrankte ihr Mann Josef schwer. Sie pflegte ihn, bis er starb. Später versorgte sie ihre alte Mutter.

Auch Christof Müller und sein Bruder Stefan haben trotz ihrer starken Sehbehinderung von Anfang an ein ganz normales Leben geführt. Den Ratschlag ihrer Eltern haben sie verinnerlicht: „Ihr dürft euch nicht alles gefallen lassen, und ihr müsst versuchen, immer ein Stück besser zu sein als die anderen, wenn ihr eine Arbeit haben wollt“ – das habe ihm seine Mutter von Kindheit an eingeschärft, erinnert sich Christof Müller. Die Brüder besuchten eine Schule für Sehbehinderte in Frankfurt, später das Blindengymnasium in Marburg. Beide machten Abitur, studierten. Stefan Müller ist heute Pfarrer in Hadamar. Christof Müller wurde Gymnasiallehrer. Er unterrichtet Religion und Geschichte an der Hofheimer Main-Taunus-Schule.

Jutta Hajek hat ihn dort kennen gelernt. Die Kelkheimer Autorin beschrieb in einem Zeitungsartikel, wie der blinde Pädagoge seine sehenden Schüler unterrichtet, wie sich die Jugendlichen zu Wort melden und einer die Namen ansagt, damit Christof Müller weiß, wer gerade dran ist. Später besuchte sie die Familie in Eppstein, lernte Mariechen und Stefan Müller kennen und war fasziniert von deren unbändigem Lebensmut. „Darf ich ein Buch über Sie schreiben?“ Als sie diese Frage stellte, habe sich Mariechen Müller erst mal Bedenkzeit erbeten, erzählt Hajek.

Schließlich sagte die Familie zu. Es folgten Interviews mit der Mutter und den beiden Söhnen. Jutta Hajek begleitete alle drei durch ihren Alltag, war im Pfarrhaus in Hadamar zu Gast und ließ sich von Christof Müller genau erklären, wie er seine Arbeit als Lehrer erledigt, der die Klausuren seiner Schüler nicht selbst lesen kann. Hilfskräfte, die die Texte für ihn in einen sogenannten Daisy-Player, ein digitales Audiogerät sprechen, brauche er dafür, erzählt er im Buch. Die Lesekräfte müssten später mit Rotstift seine Korrekturen auf die Arbeiten schreiben.

Mit Blindenschrift wird der Joghurt markiert.

Für den Eppsteiner ist es keineswegs selbstverständlich, als blinder Lehrer eine Stelle an einem normalen Gymnasium zu haben, die auch jeder Nichtbehinderte haben könnte. Optimale Rahmenbedingungen bei der Ausbildung, die ihm der Sozialstaat geboten habe und die Schwerbehindertenquote des Landes Hessen hätten ihn dabei unterstützt, sagt er im Gespräch mit der FR. Kraft findet er auch im Glauben, Gott weise ihm den Weg. „Darauf kann ich mich verlassen.“

Auf Hilfe im Alltag sind die Müllers trotz alledem angewiesen. Freunde oder Nachbarn lesen Mariechen Müller beispielsweise Briefe vor oder gehen mit ihr in den Supermarkt einkaufen. Christof Müller könnte ohne die Unterstützung seiner Lesekräfte nicht als Lehrer am Gymnasium arbeiten.

Beide wollen der Gesellschaft deshalb etwas zurückgeben. Sie engagieren sich in Bereichen, in denen es Nebensache ist, ob sie sehen können oder nicht. Mariechen Müller ist im katholischen Blindenwerk aktiv und kümmert sich um die Gestaltung einer ökumenische Bildungswoche. Christof Müller sitzt als Abgeordneter für die Christdemokraten im Eppsteiner Stadtparlament und ist Pressesprecher des CDU-Ortsverbandes in seinem Heimatort Ehlhalten.

Christof Müller arbeitet als Lehrer an der Main-Taunus-Schule. Texte, die ihm Lesekräfte aufs Band gesprochen haben, bringt er mit einer Punktschriftmaschine zu Papier.

Inklusion sei keine Einbahnstraße findet er. „Das ist eine Sache, zu der beide Seiten, Behinderte und Nichtbehinderte, etwas beitragen müssen.“ So ist auch der Satz zu verstehen, den er sagt, als die FR-Reporterin anruft, um einen Interviewtermin auszumachen, und der erst mal überrascht: „Ich muss mal gucken, ob ich nichts übersehen habe.“ Aber, sagt Christof Müller, „es wäre doch schrecklich, wenn ich als Blinder keine Begriffe aus der Welt der Sehenden verwendete“.

In Zusammenarbeit mit dem Kulturkreis Eppstein liest Jutta Hajek am Mittwoch, 6. November, 19.30 Uhr, aus ihrem Buch „Siehst du die Grenzen nicht, können sie dich nicht aufhalten“. Beginn ist um 19.30 Uhr in der „Pfarrscheune“ (katholisches Gemeindehaus Sankt Michael), Rathausweg, in Eppstein-Ehlhalten.  Eine weitere Lesung der Autorin gibt es am Freitag, 15. November, in der Reihe „Kunst und Kultur am Autoberg“ im Haus Sankt Martin am Autoberg, Frankfurter Straße 43, in Hattersheim. Beginn: 19 Uhr.

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