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Patient Heinz Bertram mit Atmungstherapeutin Melanie Kurz und dem leitenden Arzt Jörg Blau.

Hofheim

Entwöhnung von künstlicher Beatmung am Krankenhaus Hofheim

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Die Main-Taunus-Kliniken haben im Hofheimer Krankenhaus ein neues Therapiezentrum eingerichtet, in dem Patienten von künstlicher Beamtung entwöhnt werden. Partner des deutschlandweit einzigartigen Projektes ist die AOK Hessen.

Mit blauen Lippen und Atemnot wurde Heinz Bertram im Sommer ins Hofheimer Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Lungenentzündung, legten den 70-Jährigen ins Koma. Zwei Monate später wachte Heinz Bertram in der Intensivstation wieder auf. Das Leben hatte sich für ihn von Grund auf geändert. „Ich konnte nicht mehr alleine atmen, sondern hing an einer Maschine“, erzählt er. Weil er über einen Schlauch, der vom Hals direkt in die Luftröhre führt, mit dem Beatmungsgerät verbunden war, konnte Heinz Bertram nicht sprechen. Durch das lange Liegen hatten sich seine Muskeln zurückgebildet, er konnte nicht aufstehen. „Es war eine schwere Zeit für uns alle“, erinnert sich seine Frau Manuela. „Ich hab’ mir oft die Frage gestellt, ob das wohl noch mal gut wird.“

Es ist gut geworden. Heinz Bertram war gestern als Gesprächspartner mit dabei, als das neue Therapiezentrum für außerklinische Beatmung (TAB) am Hofheimer Krankenhaus vorgestellt wurde. Sechs Wochen hat er dort verbracht, wurde von einem multiprofessionellen Team aus Pflegekräften, Atmungstherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden behandelt. Mit Erfolg. Nur noch nachts ist er jetzt an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Tagsüber braucht Heinz Bertram lediglich Sauerstoff, damit er bei körperlicher Bewegung nicht aus der Puste kommt. Vor zwei Wochen wurde der Hofheimer in die häusliche Pflege entlassen und ist überglücklich, „dass ich das alles so gut überstanden habe“.

Heinz Bertram ist so etwas wie der Vorzeigepatient des neuen Therapiezentrums, das im Frühsommer eröffnet wurde. Es ist an das „Weaning-Zentrum“ im Hofheimer Krankenhaus angeschlossen, wo Patienten schon seit längerem von der künstlichen Beatmung entwöhnt werden.

Pilotprojekt
Das Therapiezentrum für außerklinische Beatmung am Krankenhaus Hofheim ist eines von sechs Zentren, die über einen Kooperationsvertrag mit der Gesundheitskasse AOK in Hessen eingerichtet wurden.

Bis zu sechs Monate lang können Patienten, die im Krankenhaus über längere Zeit künstlich beatmet wurden, dort mit Hilfe von Therapeuten lernen, wieder eigenständig zu atmen.

Angehörige werden bei Bedarf geschult, um die Patienten nach dem Aufenthalt im Therapiezentrum zu Hause weiterzubetreuen. Die ambulante medizinische Nachbetreuung kann bis zu einem Jahr laufen.

In 80 Prozent der Fälle gelinge das auch, berichtete gestern der verantwortliche Arzt Jörg Blau. Einige Patienten kämen nach dem regulären Krankenhausaufenthalt aber noch nicht ohne Beatmungsmaschine zurecht. Für sie sei das neue Therapiezentrum gedacht, das eine Verbindung schaffe zwischen stationärer und ambulanter Behandlung. Finanziert wird das Pilotprojekt über einen Kooperationsvertrag mit der AOK Hessen, deutschlandweit ist es einmalig.

Seit 2012 habe sich die Zahl beatmeter Patienten verdoppelt, berichtete der Pflegechef der Gesundheitskasse, Robert Ringer. Das liege zum einen an den Möglichkeiten der Hochleistungsmedizin, zum anderen am steigenden Alter der Patienten. Bislang hätten die Versorgungsstrukturen nicht ausgereicht, um alle Menschen von der Beatmung zu entwöhnen. Viele Patienten wurden nach Hause entlassen und blieben dauerhaft an die Geräte angeschlossen.

Eine Entwöhnung von künstlicher Beatmung im häuslichen Umfeld sei praktisch nicht möglich, bestätigte Mediziner Blau. Weder Logopäden noch Physiotherapeuten kämen für gewöhnlich ins Haus. Der Pflegedienst könne zwar den Sauerstoffgehalt des Bluts kontrollieren, er sei aber nicht befugt, die Beatmungsmaschine auszustellen und den Patienten zwischendurch selbstständig atmen zu lassen.

„Ziel der Behandlung im TAB ist es, dass wir noch mehr Menschen vor einer lebenslangen Beatmung bewahren“, sagte der Geschäftsführer der Main-Taunus-Kliniken, Stefan Schad. Investiert hätten die Kreiskliniken vor allem in neues Personal. Die sechs Betten des Therapiezentrums seien in ehemaligen Patientenzimmern der Geriatrie untergebracht.

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