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Entgiftung im gelben Zelt

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Aufwendige Prozedur: Die Beseitigung von Giftstoffen.
Aufwendige Prozedur: Die Beseitigung von Giftstoffen. © Michael Schick

Wenn eine sogenannte „schmutzige Bombe“ gezündet würde, könnten die Dekon-Einheiten des Main-Taunus-Kreises die Verletzten von Strahlung oder chemischen Stoffen befreien.

Von Bastian Beege

Man stelle sich folgendes Katastrophenszenario vor: Terroristen zünden auf einer Großveranstaltung eine sogenannte „schmutzige Bombe“. Bei der Explosion wird strahlendes Material freigesetzt. Es gibt viele Tote und verstrahlte Schwerverletzte. In diesem Fall käme die Einheit „Dekon V“ zum Einsatz. Männer in Schutzanzügen würden die Verletzten in Zelte tragen, wo diese zunächst dekontaminiert werden.

Die Einheit zur „Dekontamination Verletzter“ wurde vor zwei Jahren vom Main-Taunus-Kreis ins Leben gerufen: Die 15-köpfige Einsatzgruppe setzt sich aus besonders ausgebildeten Rettungsfachkräften des Roten Kreuzes zusammen. Zur zwölf Tonnen schweren Ausrüstung gehören unter anderem drei aufblasbare Zelte, ein Heißwasseraufbereiter, Duschen sowie eine spezielle Rollbahn für die Patienten. Dekon V soll in der Lage sein, Menschen bei atomaren, biologischen und chemischen Vergiftungen zu helfen. Mittels Tragen und Rollbahn gelangten die nicht mehr gehfähigen Verletzten zunächst in das Zelt der Warnstufe „rot“, wo sie entkleidet würden. „Die Weiterversorgung findet im Zelt der Stufe gelb statt. Dort werden die Patienten gewaschen“, erklärt Jürgen Kalisch, vom Deutschen Roten Kreuz in Bad Soden, der Leiter der Einheit. Zur weiteren Behandlung kämen sie in das „grüne“ Zelt. Vor kurzem hat die Mannschaft schließlich auch einen Lastwagen zum Transport ihrer Geräte bekommen – sie ist damit voll einsatzfähig. „Diese Einheit ist hochmodern und nimmt deutschlandweit eine Vorreiterrolle ein“, erläutert der Chef der Katastrophenschutzbehörde im Main-Taunus-Kreis, Thomas Spengler. Damit ist vor allem die Mobilität des Trupps und die flexible Einsetzbarkeit gemeint. Die „Dekon V“ ergänzt zudem zwei weitere Einheiten des Katastrophenschutzes: Die „Dekon P (Personen)“ kümmert sich um die Dekontamination leicht verletzter Opfer eines Anschlags mit Giftstoffen, die „Dekon G (Geräte)“ reinigt Geräte und Fahrzeuge.

Vorreiter in Deutschland

„Wir haben Ende der 90er Jahre mit dem Aufbau dieser Einheiten begonnen“, so Spengler. „Damals war die Maul-und-Klauen-Seuche der Anlass.“ Später seien dann Überlegungen zum Terrorismus hinzugekommen. „Vor der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land haben wir uns die Frage gestellt, was wir tun würden, wenn Terroristen eine schmutzige Bombe im Stadion zünden würden.“ Das bestehende Konzept wurde erweitert und schließlich um das letzte Glied, die „Dekon V“ ergänzt.

Die Vorsorgemaßnahmen haben natürlich ihren Preis: Allein die Anschaffungskosten der „Dekon V“ lagen bei rund 220 000 Euro, der Unterhalt schlägt jährlich mit bis zu 2000 Euro zu Buche. Zählt man die beiden anderen Einheiten hinzu, so hat der Landkreis bislang weit über eine halbe Million Euro ausgegeben.

Die Frage darf also gestellt werden: Ist das Geld sinnvoll ausgegeben? „Das keine der Einheiten bislang wirklich zum Einsatz kam, ist ja nur gut“, sagt Thomas Spengler. Doch wie realistisch ist die Vorstellung, dass der Main-Taunus-Kreis eines Tages ins Visier von Terroristen gerät? Spengler verweist darauf, dass durchaus auch andere Szenarien in Frage kämen: Denkbar sei zum Beispiel ein Arbeitsunfall, bei dem giftiges Chlorgas austrete.

Das klingt ebenfalls einleuchtend. Doch was wäre, wenn tatsächlich in einem voll besetzten Fußballstadion ein Anschlag verübt würde? Wäre die Katastrophenschutzbehörde auch dagegen gewappnet? Seine Einheit könne nur zehn Patienten pro Stunde versorgen, berichtet „Dekon V“-Chef Jürgen Kalisch. Und Thomas Spengler gibt entsprechend zu: „Im Falle tausender Verletzter wird es Verluste geben. Das muss man so trocken sagen.“

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