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Therapiehund Emma im Hospiz Lebensbrücke in Flörsheim.

Flörsheim

Emma spendet Trost im Flörsheimer Hospiz

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Ivana Seger hat ein Buch über die Arbeit mit ihrer Therapiehündin geschrieben. Wie Emma hilft, erleben Schwerstkranke und deren Angehörige auch in Hospizen und Palliativstationen in Wiesbaden, Offenbach und Schmitten.

Rudi Papilion hat selbst nie Hunde gehabt. Trotzdem freut sich der 64-Jährige jede Woche aufs Neue, wenn Ivana Seger mit ihrer Therapiehündin Emma ins Flörsheimer Hospiz Lebensbrücke kommt. Seit mehreren Monaten lebt Rudi Papilion dort. Er leidet an der Nervenkrankheit Polyneuropathie, sitzt im Rollstuhl, das Sprechen fällt ihm schwer. Zu Hause kann er nicht mehr gepflegt werden. „Wenn Emma kommt, dann ist das für uns alle hier etwas ganz Besonderes“, sagt der Hattersheimer. Er genießt es, der Labradorhündin über das weiche, glatte Fell zu streicheln, sie mit Leckerlis zu füttern. Manches Mal liege Emma auch einfach nur ganz entspannt vor seinem Rollstuhl, sagt Rudi Papilion. „Das ist wunderbar beruhigend, man denkt dann eine Zeit lang nicht mehr nach über die eigene Situation.“

Jeden Montag kommt Ivana Seger mit Emma ins Flörsheimer Hospiz. Gleich im Foyer breitet sie dann die Hundedecke aus. Es ist Emmas Platz für die nächsten zwei Stunden. Die Hündin ist so erzogen, dass sie weder das Stationszimmer des Pflegepersonals betritt noch die Küche und auch nie etwas vom Boden frisst. Sie lässt sich weder von Geräuschen noch von Gerüchen irritieren. Erst wenn sie das Kommando „Okay“ hört, folgt sie Ivana Seger in ein Patientenzimmer.

Jeder kann Emma streicheln und ihr in die Augen schauen. „Viele Hunde würden das nicht aushalten“, sagt Ivana Seger. Emma kenne die Situation im Hospiz. Wenn Angehörige trauerten, lege die Hündin ihren Kopf in deren Schoß. „Das löst Blockaden. Die Menschen können dann loslassen und weinen.“

Seit elf Jahren besucht Ivana Seger mit Emma schwerkranke Menschen und deren Angehörige in Hospizen und Palliativstationen im Rhein-Main-Gebiet. Die Flörsheimerin ist ausgebildete Altenpflegerin und Palliativschwester und war die erste, die diese Arbeit gemacht hat. „Ich wollte dem schweren Thema Tod und Sterben ein wenig Leichtigkeit geben, dem Wort Hospiz die Macht rauben, die es über Menschen hat“, sagt sie. Schnell hat Ivana Seger festgestellt: „Was ein Hund im Hospiz bewirken kann, ist mit Geld nicht zu bezahlen. Emma ist mein Eisbrecher. Und sie ist besser als jede Medizin.“

Emma hilft
Mit den Therapiehündinnen Emma und Sissi arbeitet die Palliativschwester Ivana Seger in Hospizen und Palliativstationen im Rhein-Main-Gebiet.

Weil Krankenkassen die tiergestützte Therapie Schwerstkranker bislang nicht finanzieren, hat die Flörsheimerin letztes Jahr eine Online-Petition gestartet, die 5000 Menschen unterschrieben haben. Derzeit berät der Petitionsausschuss des Bundestages darüber.

Informationen über die Arbeit des Therapiebegleithunde-Teams gibt es auf der Internetseite www.emmahilft.de. Dort können auch Vorträge und Workshops mit Ivana Seger und ihren Labradorhündinnen gebucht werden. aro

Über die Jahre haben Ivana Seger und ihre Labradorhündin 500 Familien in schweren Stunden begleitet, 83 Menschen sind mit Emma im Arm gestorben. Eine Fülle von Dankesschreiben hat Ivana Seger erhalten. Unzählige Fotos dokumentieren die innige Nähe, die ein ums andere Mal zwischen Mensch und Hund entstanden ist und die den schwerkranken Patienten ein glückliches Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.

„Emma-Effekt“ nennt Ivana Seger dieses Phänomen. In einem Buch hat sie jetzt ausführlich darüber geschrieben. „Wenn eine Therapiehündin in Hospizen Momente schafft, die für immer im Herzen bleiben“ steht auf dem Cover von Emmas „Tagebuch“. Ivana Seger hat mehrere Monate daran gearbeitet und den Hardcover-Band mit vielen berührenden Bildern im Selbstverlag herausgebracht. Beiträge geliefert haben auch Angehörige von ehemaligen Hospiz-Bewohnern, Eltern, deren Kinder im Wiesbadener Hospiz Bärenherz von Emma und Ivana Seger in ihrer letzten Lebenszeit begleitet wurden, Mitarbeiter sowie Leiter von Hospizen und Palliativstationen. Auch Martin Rütter vom Fernsehsender Vox, der Ivana Seger und Emma für seine Sendung „Der Hundeprofi unterwegs“ einen Tag lang begleitete, hat Texte in „Emmas Tagebuch“ geschrieben, genauso wie RTL-Moderatorin Nazan Eckes, die im Kinderhospiz Bärenherz mit dabei war.

Beim Schreiben des Buches seien ihr immer wieder die Tränen gekommen, erzählt Ivana Seger. „Ich habe mich an die vielen Begegnungen mit den Hospizgästen und ihren Angehörigen zurückerinnert. Alles war plötzlich wieder so präsent und nah.“

Es sind bewegende Momente, die die 50-Jährige beschreibt. Sie erzählt von strahlenden Kinderaugen, die Emma stets im Wiesbadener Hospiz Bärenherz begrüßten; von dem Mädchen Emely, dessen Krampfanfälle verflogen, wenn es seine Hand auf das Fell der Hündin legte, und von den Besuchen auf der Palliativstation des Sana-Klinikums in Offenbach, wo Therapiehündin Emma das Herz einen todkranken jungen Mannes eroberte, der bis dahin für das Pflegepersonal nicht erreichbar war.

Zwei Stunden ist Emma pro Tag für schwerkranke Menschen da. Mit Ivana Seger arbeitet sie auch auf der Palliativstation der HSK in Wiesbaden und im Hospiz Arche Noah in Schmitten. Den Rest der Zeit darf sie einfach Hund sein und ihr Leben genießen.

Und was ist, wenn Emma einmal stirbt? Ivana Seger hat für diesen Fall vorgesorgt und schon vor Jahren eine zweite Labradorhündin bei sich aufgenommen. Sissi ist in Hospizen und auf Palliativstationen immer mit dabei, lernt von Emma. „Wenn Emma einmal nicht mehr ist, wird Sissi ihre Arbeit weitermachen“, sagt Ivana Seger.

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