1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Main-Taunus-Kreis

Einmal richtig dreckig werden

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jennifer Hein

Kommentare

Am Lagerfeuer sitzen und singen – das gibt’s immer noch bei den Eschborner Pfadfindern.
Am Lagerfeuer sitzen und singen – das gibt’s immer noch bei den Eschborner Pfadfindern. © Michael Schick

Eschborn Die Sankt-Georgs-Pfadfinder sind ganz anders als ihr Ruf – und auch wieder nicht

Im Wald Spuren lesen oder Blätter bestimmen ist out. Moderne Pfadfinder drehen einen Film oder veranstalten einen Modelwettbewerb. „Wir backen und verkaufen auch keine Kekse“, sagt Bettina Albrecht und lacht. Die 26-jährige Physiotherapeutin kennt die Klischees, die Pfadfindern vorwegeilen. Diese würden schon lange nicht mehr zutreffen.

Albrecht ist eine der Gruppenleiterinnen vom Stamm Regenbogen in Eschborn. Einmal in der Woche trifft sie sich mit ihrer Gruppe, die der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg angehört, im Gemeindezentrum der Pfarrgemeinde Christ-König. Was dann gemacht wird, entscheiden die Kinder. Zuerst werden Vorschläge gesammelt, dann abgestimmt und im Internet recherchiert. Manche Projekte sind eher kurz, wie gemeinsam kochen, andere ziehen sich über mehrere Wochen, wie Seifenkisten oder Vogelhäuser bauen, einen Film drehen oder ein Casting veranstalten. Zuletzt wollten Albrechts Schützlinge Trendsportarten ausprobieren. Slacklining, Cross-Boule und Planking gehörten zu den Favoriten.

Kein Nachwuchsproblem

Anders als früher, erklärt Albrecht, hat der Stamm weniger feste Strukturen, Themen werden nicht vorgegeben, sondern sollen aus der Gruppe kommen. „Der Gedanke ist, dass jeder etwas kann“, erklärt ihre Schwester Beate Albrecht (24), die ebenfalls seit Jahren als Gruppenleiterin dabei ist. „Wir geben den Kindern Raum, sich auszuleben.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendorganisationen haben die Eschborner Pfadfinder kein Nachwuchsproblem. Im Gegenteil, in den vergangenen drei Jahren sind sie sogar um rund 20 Kinder gewachsen.

Die Natur dient weniger als früher als Lehrbuch, ist aber immer noch Kulisse. Beim großen Sommerlager geht es für ein oder zwei Wochen ins europäische Ausland. Da lernen die Teilnehmer, welches Holz sich zum Feuer machen eignet, wo Wasserquellen zu finden sind und wie man Zelte aufbaut. Zusammen spielen sie Karten, diskutieren in Rollenspielen oder veranstalten einen Zirkus. Die Älteren gehen Kanu fahren oder Schwimmen. „Es ist schön zu sehen, worauf die Kinder verzichten können“, sagt Bettina Albrecht. Kein Handy, keine Markenklamotten, keine Schminke. Im Lager sind alle gleich und vor allem die Jüngeren wahnsinnig aufgeregt und stolz, wenn sie die Nacht im Freien überstanden haben. Mal so richtig dreckig werden, stinken und mit ungeputzten Zähnen ins Bett gehen, das sei für viele Kinder eine neue Erfahrung.

Die meisten Gruppenleiter haben eine Schulung durchlaufen. Sicherheit geht vor. Passiert sei bei einem Ausflug aber noch nie etwas. „Wir kennen alle Kinder gut und sind nie so fern der Zivilisation, dass wir uns im Notfall nicht helfen könnten“, erklärt Beate Albrecht. Es gibt nur eine Regel: Das Camp wird nur in einer Gruppe von mindestens drei Personen verlassen.

Abenteuer gibt es auch in der Heimat. Mit voll gepackten Rucksäcken fahren die Pfadfinder mit der Bahn ins Umland und müssen sich ihren Schlafplatz erst suchen. Das kann eine Schutzhütte oder eine Waldlichtung sein. Haiken nennt sich diese Wandertour ohne festes Ziel. „Einer hat immer eine Gitarre dabei“, sagt Dominik Rau (24). Der angehende Mechatroniker war selbst als Kind bei den Pfadfindern, heute leitet er eine Gruppe. Nun erfüllt sich zumindest ein Klischee: Lieder singen bis alle müde in die Schlafsäcke kriechen.

Zur Zeit suchen die Pfadfinder nach einem geeigneten Grundstück in Eschborn, wo sie ihre Treffen im Freien abhalten und auch mal übernachten können. Einwohner und die Stadt haben Vorschläge gemacht. Der ideale Platz war leider noch nicht dabei.

Auch interessant

Kommentare