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Das Dilemma der modernen Erziehung

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Gerd Gröhl, Leiter der Caritas-Erziehungsstelle, trifft häufig Eltern, die ihre Kinder perfekt erziehen wollen.
Gerd Gröhl, Leiter der Caritas-Erziehungsstelle, trifft häufig Eltern, die ihre Kinder perfekt erziehen wollen. © Martin Weis

Gerd Gröhl, Leiter der Caritas-Erziehungsberatungsstelle, sieht eine gesunde Kindheit durch überengagierte Eltern gefährdet. Im interview mit der FR erklärt er, wie man dem Dilemma der modernen Erziehung entkommt.

Gerd Gröhl, Leiter der Caritas-Erziehungsberatungsstelle, sieht eine gesunde Kindheit durch überengagierte Eltern gefährdet. Im interview mit der FR erklärt er, wie man dem Dilemma der modernen Erziehung entkommt.

Gerd Gröhl ist Leiter der Erziehungsberatungsstelle der Caritas Main-Taunus in Flörsheim und kennt die Fragen, Ängste und Probleme von Eltern. Seiner Ansicht nach gibt es bezüglich Kindererziehung keine falschen Fragen, doch sieht der Experte durch überengagierte Eltern eine gesunde Kindheit gefährdet.

Herr Gröhl, heute können sich werdende Eltern in großem Umfang mit Ratgebern, Filmen, Magazinen und Kursen auf die Kindererziehung vorbereiten. Machen sich die meisten dadurch nicht verrückt?

Es gibt Menschen in unterschiedlichen Situationen, die Eltern werden. Wenn wir hier nun die Gruppe der jungen Erwachsenen zwischen 25 und 30 betrachten, die sich bewusst für ein Kind entschieden haben, könnte man sagen: Ja, es gibt einen Trend zur übermäßigen Sorge um die richtige Erziehung. Diese Sorge führt Eltern dazu, jede Regung des Kindes zu kontrollieren. Sie wollen nichts falsch machen und haben eine undefinierte Angst um ihr Kind.

Würden sie sagen, Eltern sollten sich im Umgang mit ihrem Kind lieber auf Instinkte verlassen?

Also grundsätzlich sind Fragen und Sorgen ja völlig in Ordnung. Und besorgte Eltern sind auch etwas Gutes. Sie sind aufmerksam und sensibel mit ihren Kindern. Nur übertriebene Sorgen sind schädlich für die Entwicklung des Kindes. Doch Kindererziehung hat der Mensch schon milliardenfach praktiziert – auch ohne Ratgeber und Super-Nanny. Deshalb können sich Eltern im Grunde auch auf ihren natürlichen Instinkt verlassen. Schade, dass ich immer wieder feststelle, dass es einer zunehmenden Zahl von Eltern, die es selbst nicht erlebt oder gelernt hat, immer seltener gelingt, sich auf die eignen Wahrnehmungen, Stärken oder „Instinkte“ zu verlassen.

Wie sieht denn eine Dauerkontrolle von extrem besorgten Eltern aus? Warum schadet sie?

Das beginnt mit dem Babyfon und endet mit dem GPS-Peilsender im Smartphone. Die Eltern breiten ihre Adlerschwingen über dem Kind aus und das sitzt darunter nur noch im Schatten. Aber Kinder brauchen für ihre körperliche und geistige Entwicklung Bewegungsräume. Sie brauchen auch mal einen Kratzer oder blaue Flecken vom Spielen draußen, müssen Wagnisse eingehen, sich ausprobieren. Ein Dauerschutz durch die Eltern macht sie unselbstständig und ängstlich. Sie können keine oder deutlich weniger Entscheidungen treffen und orientieren sich stärker am gebotenen Fertigprodukt – zum Beispiel Filme, Spielkonsolen, Spieleparks. Die Besorgnis geht soweit, dass ein Kind erstmal bei einem Motopädagogen lernen muss, wie es im Sand spielt. Womit wir beim nächsten Problem wären.

Welchem Problem?

Entdecken Eltern Auffälligkeiten im Verhalten ihres Kindes und suchen Rat, stehen sie vor einem Haufen von Experten. Sie durchlaufen oft unnötig mehrere Stationen auf der Suche nach der Ursache für diese Auffälligkeit. Bei uns in der Beratungsstelle wird ein Problem zunächst eingeordnet und überlegt, welcher Weg, Arzt oder Psychologe nötig und richtig für das individuelle Problem der Familie ist.

Aber woher kommen denn die übertriebenen Sorgen junger Eltern?

Heutzutage streben die Menschen nach Perfektion in allen Bereichen des Lebens – so auch in der Kindererziehung. Sie wollen auf keinen Fall einen Fehler riskieren und eifern einer Idealvorstellung nach.

Also sollen Eltern ihre Kinder mehr zur Selbstständigkeit erziehen?

Nein. So kann man es nicht sagen. Einerseits werden Kinder durch Dauerüberwachung eingeschränkt, andererseits werden sie oft auch überfordert. Nämlich immer dann, wenn die Eltern sie in Entscheidungen mit einbeziehen, die sie noch nicht treffen können. Zum Beispiel, wenn eine Mutter ihre Vierjährige fragt, wie sie ihre Haare geschnitten haben möchte oder wohin es in den Urlaub gehen soll, welches Video das Richtige ist oder aushandelt, wann die beste Schlafenszeit sei. Kinder brauchen auch die Führung der Eltern und Regeln, um sich anlehnen zu können. Soll heißen, Sicherheit und Schutz für die Seele. In ihrer Entwicklung brauchen Kinder von ihren Eltern Achtsamkeit, Hinwendung, Förderung und Forderung, aber auch den Raum, um eigene Erfahrungen zu machen im richtigen Mix.

Das Interview führte Christina Franzisket

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