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Diebstahl und Demenz

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Von: Torsten Weigelt

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Im Real-Markt steckt ein Demenz-Erkrankter eine Schokolade ein und bezahlt nicht. Der Markt hat diesen Vorfall zum Anlass genommen, sich intensiv mit dem Thema zu befassen. Jetzt gab es Info-Stände im Real.

"Nein, ich bin nicht dement“, wies eine Frau unwirsch das Flugblatt zurück, das Susanne Däbritz ihr in die Hand drücken wollte. Ansonsten konnte sich die städtische Altenhilfeplanerin jedoch über mangelndes Interesse nicht beklagen.

Einen ganzen Tag lang informierten Däbritz und Vertreterinnen der evangelischen Gemeinden sowie Eschborner Tagespflegeeinrichtungen gestern im Real-Markt im Gewerbegebiet die Kunden über den Umgang mit Demenz-Erkrankten und die Hilfsangebote in der Stadt. Und bereits nach anderthalb Stunden waren sie mit mehr als 50 Menschen ins Gespräch gekommen.

Angehörige verdrängen oft

Der Ort war nicht zufällig gewählt. Denn vor einem dreiviertel Jahr hatte ein Vorfall den Eschborner Real-Markt in die Schlagzeilen gebracht, nachdem dort ein Demenzkranker wegen Ladendiebstahls angezeigt worden war. Er hatte eine Tafel Schokolade eingesteckt, ohne sie zu bezahlen – und wurde plötzlich mit Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft konfrontiert. Ein Firmensprecher hatte auf Anfrage der FR darauf verwiesen, dass der Marktleiter verpflichtet gewesen sei, Anzeige zu erstatten, da es sich bei dem Diebstahl um ein Offizialdelikt gehandelt habe.

Doch dabei ließ es Real nicht bewenden, auch nicht, nachdem das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt worden war. Das Unternehmen hat das Angebot der Eschborner Seniorenberatungsstelle angenommen, das Real-Führungspersonal für den Umgang mit Demenzerkrankten zu schulen.

Dabei sei es nicht nur um Diebstähle gegangen, sondern auch um alltägliche Situationen, zum Beispiel wenn ein älterer Kunde im Laden stehe und einen verwirrten Eindruck mache, schilderte Susanne Däbritz. Dann könnten die Mitarbeiter den Betreffenden direkt ansprechen und ihm anbieten, ein Taxi für ihn zu rufen oder gemeinsam in der Geldbörse nach der Telefonnummer eines Angehörigen zu suchen. „Das Thema Demenz ist mitten unter uns“, sagt Däbritz. Oft seien es Verkäuferinnen und Verkäufer, die als erstes mitbekämen, dass ein älterer Mensch Demenz-Symptome entwickle. Angehörige neigten hingegen gelegentlich dazu, sie zu verdrängen. „Demenz macht Angst“, so Däbritz. Um so wichtiger sei es, dass möglichst viele Menschen mit dem Thema vetraut sind.

Blick in Behinderten-Ausweis

Auch Marktleiter Manfred Kocholl ist froh über die Kooperation mit der Stadt. „Wir haben eine Art Joint Venture gegründet“, schildert er. Die Schulung von Susanne Däbritz für das Führungspersonal der Real-Märkte in Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern sei sehr aufschlussreich gewesen. „Wir sind dadurch sensibilisiert worden.“

Zwar sei es für einen Laien nur schwer möglich, eine Demenz-Erkrankung zweifelsfrei zu erkennen, doch dass eine Situation wie die um den vermeintlichen Diebstahl noch einmal derart eskaliert, wird künftig wohl nicht mehr vorkommen. Denn bei Menschen, die bereits wegen einer Demenz-Erkrankung in Behandlung sind, hilft in der Regel ein Blick in den Schwerbehinderten-Ausweis. Dort ist dann ein „H“ aufgeführt.

Zudem könnten er und seine Mitarbeiter in kniffligen Fällen nun auch direkt bei der Seniorenberatung der Stadt anrufen und nachfragen, erläutert Kocholl. Sein Ziel sei es, die neuen Erkenntnisse nun auch in andere Märkte zu transportieren. „Denn Eschborn ist überall.“

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