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Künstlerin Mélanie Chauvin aus Montgeron wird von Assistentin Pauline Blanche begleitet.

Kultur

Behinderte Künstler malen Stadtansichten

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Arbeiten aus der Sommerwerkstatt der Villa Luce in Eschborn werden auch bei „Behind Art“ in Darmstadt gezeigt.

Doris Schwager malt wie Friedensreich Hundertwasser: kräftige Farben, verspielte Details, unendliche Fensterfronten. Bilder der 65-Jährigen sind immer wieder in Ausstellungen zu sehen und wechseln schon mal für ein paar hundert Euro den Besitzer. Als Motiv für ihr Bild, das in dieser Woche beim inklusiven Sommerworkshop unter den großen alten Bäumen im Garten der Villa Luce entsteht, hat Doris Schwager sich eine Ansicht aus dem Eschborner Gewerbegebiet Süd als Vorlage genommen. Akribisch hat sie die Bürotürme mit Bleistift auf der Leinwand skizziert, Farbakzente setzt sie mit bunten Acrylstiften.

Zehn Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung machen beim einwöchigen inklusiven Kunst-Workshop der Villa Luce mit. „Ansichtssachen“ lautet das diesjährige Motto. Fotos mit Szenen aus Eschborn flattern an einer Wäscheleine. Bei einem Stadtrundgang haben die Teilnehmer die Motive am Montag mit der Kamera festgehalten.

Sechs der behinderten Künstler leben im Wohnhaus der Lebenshilfe an der Eschborner Hauptstraße, vier sind aus den Partnerstädten Montgeron (Frankreich) und Póvoa de Varzim (Portugal) angereist. Dazu kommen die Assistenten, die bei der Auswahl der Materialien helfen und Tipps für die Bildgestaltung geben.

Das Kunstforum Sommerwerkstatt Villa Luce gibt es seit 1993. In diesem Jahr nimmt es unter dem Motto „Ansichtssachen“ Eschborner Motive in den Blick.

Gezeigt werden die Arbeiten, die bis Ende der Woche entstehen, von 18. bis 28. Juni in der Galerie am Rathaus Eschborn, Unterortstraße 27.

In der inklusiven Kunstausstellung „Behind Art“ sind die Bilder der Workshopteilnehmer von 30. Juli bis 18. August im Darmstadtium zu sehen.

Der Eschborner Künstler Michael Jaeck ist einer von ihnen. Er kümmert sich um Ravi Arora. Der 32-Jährige sitzt im Rollstuhl und hat das blaue Fahrrad gemalt, das am Eingang zur Villa Luce steht. Den Hintergrund des Blattes will er wie ein Mosaik gestalten. Die bunten Filzstifte hat Michael Jaeck ihm von dem langen Tisch geholt, wo auch Kreiden, Pinsel und Farbtuben bereit liegen. „Wenn du mit dem Ausmalen fertig bist, kannst du die bunten Felder mit schwarzem Edding umranden“, empfiehlt er. Die Betreuung der behinderten Menschen bei der künstlerischen Arbeit sei eine Gratwanderung, sagt Jaeck. „Sie haben eine eigene Sicht auf die Dinge, entwickeln ihren persönlichen Stil. Man sollte sie nicht zu sehr beeinflussen.“

Eva Keller-Welsch organisiert die Sommerwerkstatt im Garten der denkmalgeschützten ehemaligen Fabrikantenvilla seit mehr als 25 Jahren, bietet auch laufend Kunstkurse für die Bewohner der Villa Luce an. Im Mittelpunkt stehe dabei kein therapeutischer Ansatz, sondern die Leidenschaft der Teilnehmer, sich künstlerisch ausdrücken zu wollen, sagt die Heilpädagogin und langjährige Mitarbeiterin im Wohnhaus der Lebenshilfe. „Da gibt es keinen großen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.“ Wichtig sei den Workshopteilnehmern, dass sie ihre Kunstwerke auch öffentlich präsentieren könnten. „Das bedeutet für sie Wertschätzung und Anerkennung“, sagt Eva Keller-Welsch.

Finanzielle Unterstützung gibt es von der Stadt Eschborn für das inklusive Projekt, bei dem auch Ehrenamtliche von der Theatergruppe „Altstarke“ mitmachen. Das große Gemeinschaftsbild, das auf einer Staffelei mitten im Garten steht, wird außerdem das Juni-Blatt des Kalenders „Eschborner Hingucker“ für 2020 schmücken. Ana Palmira, die aus Póvoa de Varzim angereist ist, hat die Umrisse eines Fachwerkhauses daraufgezeichnet. „Solche tollen Häuser haben wir in Portugal nicht“, sagt ihre Betreuerin Raquel Liliana.

Mélanie Chauvin aus Montgeron hat die vier Meter hohe Kunstharz-Skulptur Black Swan von Kenny Hunter besonders beeindruckt. Sie war Teil der Kunstbiennale Blickachsen und steht mittlerweile in Eschborn. Das Acrylbild mit dem riesigen dunklen Schwan ist fast fertig. „Mélanie liebt das Malen“, sagt ihre Betreuerin Pauline Blanche. Arbeiten der jungen Künstlerin seien schon im Schloss Versailles ausgestellt worden.

Die Villa Luce ist ein Haus der Lebenshilfe Main-Taunus, in dem 20 Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung leben. 

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