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Die Schwalbacher Pfadfinder haben die Vorgänge im Eichwald akribisch recherchiert.

Deserteure

Die Mörder kamen aus Frankfurt

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Vor 70 Jahren sind im Eichwald zwei Deserteure erschossen worden. Seit 1982 wandern die Pfadfinder jedes Jahr am 26. März zu dem Hinrichtungsort mitten im Wald.

Gerade einmal 18 Jahre alt war Wendelin Bauer, als er vor 70 Jahren im Eichwald sein Leben lassen musste. Gemeinsam mit einem weiteren jungen Mann, dessen Namen nicht bekannt ist. Der Tod der beiden ist umso schwerer nachzuvollziehen, da das Nazi-Regime bereits in den allerletzten Zügen lag, als ein Standgericht in Bad Soden die jungen Männer noch am 26. März 1945 wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilte.

Als „schreckliches Verbrechen“ bezeichnete Benjamin Tuck von den Schwalbacher Pfadfindern das damalige Geschehen während einer Gedenkstunde am Donnerstagabend. Seit 1982 wandern die Pfadfinder jedes Jahr am 26. März zu dem Hinrichtungsort mitten im Wald. Aus Bad Soden stößt jeweils eine zweite Gruppe hinzu.

Waltraud Krebsbach-Hess von den Sodener Grünen erinnerte an die Schwierigkeiten, eine Gedenktafel für die beiden Ermordeten aufzustellen. 2005 hatte ihre Fraktion den entsprechenden Antrag im Parlament gestellt, was jedoch von der Mehrheit der Stadtverordneten abgelehnt wurde. Als die Grünen dann auf eigene Faust Tatsachen schaffen wollten, hätten sich plötzlich auch einige CDU-Mitglieder angeschlossen und Bürgermeister Norbert Altenkamp (CDU) habe den Sockel aufstellen lassen.

Offenbar gibt es aber Unverbesserliche, denen das Gedenken an die Nazi-Opfer auch heute noch ein Dorn im Auge ist. Krebsbach-Hess berichtete, dass das Denkmal mehrfach beschmiert worden ist. Benjamin Tuck sprach von Hakenkreuz-Kritzeleien. Außerdem seien im vergangenen Jahr die Blumen rund um die Gedenktafel wild verstreut worden. „Sie ist immer noch ein Angriffspunkt“, bedauert er.

Der Schwalbacher Ortsgruppe des Bundes Deutscher Pfadfinder (BDP) ist es zu verdanken, dass das Schicksal von Wendelin Bauer publik geworden ist. Im Rahmen des Projekts „Spurensuche“ hatte es der BDP Main-Taunus gemeinsam mit anderen Vorgängen in Bad Soden, Schwalbach und Hofheim aufgedeckt und 1982 in der Broschüre „...als wenn nichts gewesen wäre“ veröffentlicht.

Danach hatte sich der 18 Jahre alte Flakhelfer nach der Auflösung seiner Einheit auf den Heimweg zu seiner Familie in den Hunsrück gemacht. Er hatte bereits den Ort Assmannshausen erreicht, der nur 25 Kilometer von seinem Heimatort Külz entfernt war.

Auf der anderen Rheinseite waren sogar schon Fahrzeuge der US Army zu sehen, doch als Wendelin Bauer heimlich mit einem Boot über den Fluss übersetzen wollte, wurde er von SS-Männern in Zivil verhaftet – ein ehemaliger Schulkamerad hatte ihn verraten.

Zusammen mit anderen Gefangenen wurde er per Lastwagen nach Bad Soden gebracht, wo sie in der Kommandantur im damaligen Hotel Adler mehrere Tage eingesperrt wurden. Dort erhielten die vermeintlichen Deserteure weder etwas zu essen noch zu trinken.

Nachdem Wendelin Bauer zum Tode verurteilt worden war, wurde er vor das Lazarett gebracht, dem späteren Kreisaltersheim. Dort soll es zu Auseinandersetzungen zwischen Passanten, Militärs und SS-Leuten gekommen sein. Passanten sollen geäußert haben, es sei eine Schande, so einen jungen Kerl zu erschießen. Die SS habe den Umstehenden daraufhin gedroht, es würde ihnen ebenso ergehen, wenn sie keine Ruhe gäben.

Die Hinrichtung selbst ging ebenfalls nicht reibungslos vonstatten. Die anwesenden Soldaten, Luftwaffenangehörige aus Eschborn, sollen sich geweigert haben, die Exekution zu übernehmen. Allerdings fanden sich daraufhin zwei SS-Männer aus Frankfurt, die das Mordwerk übernahmen. Anschließend zogen sie ihre Uniformen aus und setzten sich nach Frankfurt ab – wo zur gleichen Zeit schon die Alliierten einmarschierten.

Die Leiche Wendelin Bauers hatten seine Henker nur notdürftig verscharrt, den Körper des anderen Jungen ließen sie einfach an Ort und Stelle liegen. Wendelins Vater sorgte schließlich dafür, dass sein Sohn in der Nähe von Külz beerdigt werden konnte.

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