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Grabsteine erzählen Lebensgeschichten: Lissy Hammerbeck auf dem Jüdischen Friedhof.

Bad Soden

"Es geht immer ums Erinnern"

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Für den Jüdischen Friedhof der Kurstadt gibt es ein digitales Archiv. Der Aufbau war eine Sisyphusarbeit. Dafür bekommen die Macher nun den Hessischen Ehrenamtspreis.

Grabsteine, meist aus Sandstein oder Granit gearbeitet, sind die Hüter und Erzähler der Geschichten. Ihre hebräischen Inschriften und Symbole künden vom Schicksal der Verstorbenen. Erzählen von einem Metzger, von Gelehrten, Müttern, die viel zu früh verstarben, von Menschen, die sich selbst das Leben nahmen, Gemeindevorstehern, Kaufleuten, Kurgästen aus aller Welt. Noch können die Geschichten weitergetragen werden, aber die Grabinschriften sind vergänglich. Bei einigen schon braucht es viel Sprach- und Fachwissen, nicht zuletzt auch Fantasie, um sie zu verstehen, andere sind kaum mehr zu lesen.

Von einem „Glücksfall“ spricht Lissy Hammerbeck daher im Rückblick auf die erste Begegnung mit Lothar Tetzner. Einen Mann wie ihn hat sie gesucht für ihr Projekt zur Rettung eines einzigartigen „Archivs im Freien“ für die Nachwelt. „Wenn nichts gemacht wird, dann ist es weg“, hat die 63 Jahre alte Forscherin vor zwei Jahren konstatiert und entschieden, dass sie mit Hilfe Gleichgesinnter die Retterin sein will. Und sich mit Lothar Tetzner an die Arbeit gemacht. Bevor der nächste Frost sein Zerstörungswerk weitertreiben kann und bald niemand mehr in der Lage sein wird, die hebräischen Wörter zu lesen, die hier in Stein gemeißelt sind.

In der milden Herbstsonne liegt der Jüdische Friedhof mit seinen noch etwa 170 Grabstätten still da. Ein Kleinod, umsäumt von Bäumen wenigstens noch an einer Seite, nachdem auf der Ostseite der Friedhofsmauern ganze Reihen für ein Bauprojekt in der Nähe gefällt wurden. Der Friedhof ist ein Beth-Hachajim, wie es im Hebräischen heißt, ein „Haus des (ewigen) Lebens“. Ewiges Liegerecht haben die Toten hier, bis zur Auferweckung durch den Messias, der sie einst mit Posaunenschall nach Jerusalem rufen wird. Dies gebietet eine jüdische Glaubensvorschrift. Bad Soden hat sie diesen „kostbaren Schatz“ beschert, sagt Lissy Hammerbeck.

Die 145 Jahre seit der Grablegung von Caroline Hirsch als der Ersten auf dem nach religiösen Vorschriften (keine Bebauung, keine landwirtschaftliche Nutzung zuvor) ausgewählten Grundstück haben die Geschichten auf den Grabsteinen verblassen, zerbröseln, verwittern lassen. Niemals aber sollen sie vergessen sein, das ist der Gedanke hinter all der Arbeit, die Lissy Hammerbeck und ihre Mitstreiter in das Projekt „Digitales Archiv“ gesteckt haben. „Es geht immer ums Erinnern.“ Seit fast 50 Jahren beschäftigt sich die in einem christlich geprägten Umfeld aufgewachsene Frau mit Forschungen zur jüdischen Geschichte speziell in Bad Soden. Im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist sie aktiv, ebenso in der AG „Stolpersteine in Bad Soden“, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung im Stadtbild sichtbar macht.

Manchmal führt Lissy Hammerbeck weit angereiste Nachfahren jüdischer Familien über den Friedhof. Aus Israel und den USA sind sie gekommen auf der Suche nach Spuren von Angehörigen. Dank der Sisyphusarbeit von Lothar Tetzner wird sie jetzt noch mehr helfen können. Einen „Schatz“ nennt sie den 80-jährigen Organisten aus Neu-Isenburg und profunden Kenner und Übersetzer hebräischer Handschriften. Er kennt sich aus mit der Thora und dem Talmud, mit der hebräischen Bibel und jüdischen Gebeten und versteht auch althebräische Grabinschriften. Und sei nicht zuletzt „ein nie versiegender Quell beim Erzählen jüdischer Witze“. So dankbar ist sie für seine Hilfe. „Ja, es macht Spaß mit ihm auf den Friedhof.“

Tetzner hat alles übersetzt, was auf den Gräbern steht und in alten Protokoll-Büchern aus dem Hauptstaatsarchiv zu finden ist, Hammerbeck hat die Digitalisierung bewerkstelligt und alle Daten in die vorgebenen Formate des Lagis-Systems eingepflegt. Von rechts nach links die hebräischen Buchstaben, wie sich das gehört. Ehemann Sven Hammerbeck, der bei seinen privaten Forschungen eher auf Zen-Buddhismus fokussiert ist, hat als passionierter Fotograf alle Grabstätten von der Vorder- und Rückseite für das digitale Archiv aufgenommen, Charlotte Börner einen Belegungsplan mit allen 288 Bestattungen zwischen 1873 und dem jüngsten Grab von 1937 für den Viehhändler Moritz Strauss gestaltet. Eine „Erhaltungsmaßnahme auf gänzlich neuen Wegen“, so der Laudator bei der Vergabe des Hessischen Ehrenamtspreises für das „Digitale Archiv“. Das hat Lissy Hammerbeck gefallen, der wohl intimsten Kennerin der „Israelitischen Todenhofanlage“ am Ortsausgang.

Als Buch möchten die Forscher die Erkenntnisse nun noch herausgeben, als Archiv in gedruckter Form. Das Ehrenamts-Preisgeld wäre dafür eine gute Grundlage. An neuen Ideen mangelt es ohnehin nicht. Weil die lebendigen Führungen über den Friedhof stets gut ankommen, planen die Hammerbecks für 2019 ebenso lebhafte Führungen auf den Spuren jüdischen Lebens durch Bad Soden. Sie ist dann die jüdische Putzmacherin Jenny Lippmann, er ein nervender Kurgast aus dem Jahr 1914, als jüdische Kurgäste häufig als Tuberkulose-Patienten nach Soden kamen und im Kurbad auf Heilung hofften. Spaß soll die Forschungsarbeit auch machen. Den Protagonisten und dem Publikum.

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