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Beißen für die Gesundheit

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Heilpraktikerschule: Unterricht im Schröpfen.
Heilpraktikerschule: Unterricht im Schröpfen. © FR/Müller

Die Heilpraktikerschule in Hochheim lehrt alte Heilmethoden für moderne Krankheiten. Das Alter der Schüler reicht von 20 bis 60. Von Gesa Fritz

Von GESA FRITZ

Es ist nur ein kurzes Stechen, etwa wie bei der Berührung einer Brennnessel. Dann hat der Blutegel seine drei Zähne in die Haut geschlagen. Wenn gleich darauf der Wurmspeichel in die Wunde fließt, erlöst das Tierchen sein Opfer mit einem körpereigenem schmerzstillenden Mittel von seinen Qualen. Zehn Minuten, höchstens eine Stunde saugt der Blutegel dann das Blut der Patienten, bevor er sich fallen lässt. Zurück bleibt ein sternförmige Wunde, aus der es noch lange blutet.

Warum diese zumindest ekelige Prozedur Sinn macht, erfahren die Schüler der Hessischen Heilpraktikerschule in Hochheim. Sie ist eine der wenigen Ganztagesschulen dieser Fachrichtung in Deutschland. Schon seit fast drei Jahrzehnten werden hier alternativen Heilmethoden gelehrt, nun lässt die neue Schulleiterin Corinna Janson frischen Wind durch die Flure wehen. Vieles, was hier vermittelt wird, basiert auf altem Wissen. Dazu gehört an erster Stelle Akupunktur aber auch Schröpfen oder Pflanzenheilkunde.

Das oberste Ziel der 41-Jährigen ist, dass die Schüler sich für alle Richtungen der alternativen Medizin öffnen. "Wer nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel", sagt Janson.

Therapieplan für Patienten

75 Schüler im Alter von 20 bis 60 Jahren lernen hier, viele auf dem zweiten Bildungsweg. Unter ihnen sind Krankenschwestern, Physiker oder auch Biologen. "Oft wurden sie durch eine eigene Krankheit auf diesen Beruf gestoßen", sagt Janson, die selbst in Hochheim gelernt hat. Ein weiteres Anliegen der neuen Schulleiterin ist der Ausbau der Lehrpraxis. Bereits heute treffen die Schüler gelegentlich auf echte Patienten und dürfen an ihnen ihre Künste erproben. Unter Beobachtung eines erfahrenen Arztes erstellen sie zum Schnäppchenpreis von 20 Euro - üblich sind rund 150 Euro - eine Anamnese, also die Vorgeschichte der Erkrankung. Außerdem stellen sie einen Therapieplan auf. Das soll künftig öfter passieren. Das Misstrauen gegen die alternativen Heilmethoden legt sich erst langsam. Zwar sammeln sich heute in vielen Badezimmerschränkchen die homöopatischen Kügelchen Globoli, und schon viele haben heilsame Erfahrung mit Akupunktur gemacht. Aber dennoch herrscht oft die Einstellung vor: Es schadet zwar nichts - aber helfen tut's nur, wenn man daran glaubt.

Dabei werden immer mehr Methoden der Heilpraktiker auch in der Schulmedizin übernommen. So ist der Heilerfolg der Blutegeltherapie bei Arthrose seit kurzem wissenschaftlich anerkannt.

Auch die für Heilpraktiker vorgeschriebene Prüfung beim Gesundheitsamt stärkt nicht eben das Vertrauen in diese Berufsgruppe: Hier wird lediglich sicher gestellt, dass der künftigen Heilpraktiker "keine Gefahr für die Volksgesundheit" darstellen. "Um so wichtiger ist eine fundierte Ausbildung", sagt Janson und führt eine Statistik an, nach der überwiegende Teil der Heilpraktikerpraxen wieder schließen. Zahlen für ihre Absolventen hat sie nicht. Aber sie ist sich sicher: "Sie sind extrem gut für ihre Praxen vorbereitet."

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