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Fatima Abounachat auf ihrem Gartenstück am Südring.

Hattersheim

Hattersheim: Beete neben Wohnblocks

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Die „Essbare Siedlung“ der Hattersheimer Wohnungsbaugesellschaft am Südring wurde als offizielles Projekt der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet.

Fatima Abounachat kämpft mit dem Unkraut. Ein ums andere Mal rammt die 46-Jährige den Spaten in den Boden, um ihr Beet vom wuchernden Grün freizubekommen. Vor zwei Wochen hat sie die Parzelle übernommen. Mais und Currykraut sind schon gepflanzt, außerdem ein Pfirsichbaum und eine Haselnussstrauch. Jetzt will Fatima Abounachat noch Kohl, Zucchinis und Avocados setzen und die zarten Pflänzchen der schwarzen Tomaten. Auf ihrem Balkon habe sie die aus Kernen selbst gezogen, erzählt sie stolz. Mit ihrer Tochter wohnt Fatima Abounachat, die marokkanische Wurzeln hat, in der Siedlung am Südring. Das Gärtnern vor ihrer Haustür mache ihr Spaß, sagt sie. „Manches Mal vergesse ich die Zeit, dann höre ich erst auf, wenn es dunkel wird.“

„Essbare Siedlung“ heißt des generationenübergreifende Projekt, das die Hattersheimer Wohnungsbaugesellschaft (Hawobau) vor sechs Jahren gestartet hat. Auf dem so genannten „Abstandsgrün“ zwischen den Wohnblocks aus den 1950er Jahren wurde auf einer 500 Quadratmeter großen Fläche der Rasen entfernt und zwei Dutzend Beete angelegt. Der Ansturm auf die zwischen 10 und 25 Quadratmeter großen Parzellen sei von Anfang an groß gewesen, erinnert sich die Leiterin des Stadtteilbüros, Heike Bülter. Mittlerweile gebe es eine Warteliste für den Siedlungsgarten, in dem jeder Hobbygärtner auf seinem Stück Land machen kann, worauf er Lust hat. Einzige Bedingung: Es darf kein künstlicher Dünger verwendet werden.

Eine der ersten, die ein Beet bepflanzt hat, war Elfriede Knieling. Schon seit Jahren wohnt die 71-Jährige in der Siedlung am Südring. Salat, Kohlrabi und Tomaten, Paprika und Sellerie zieht sie für den Hausgebrauch und freut sich, wenn nebenan auf dem Spielplatz unter den großen alten Bäumen die Kinder spielen und Eltern zum Plausch vorbeikommen.

Das Projekt Die Essbare Siedlungder Hattersheimer Wohnungsbaugesellschaft wurde als offizielles Projekt der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“ im Sonderwettbewerb „Soziale Natur –Natur für alle“ ausgezeichnet.

Gestartetwurde das interkulturelle Beteiligungsprojekt 2013 im Rahmen des Programmes Soziale Stadt unter der Regie des Quartiersbüros am Südring.

Der Gemeinschaftsgartenist 500 Quadratmeter groß, die 24 Beete werden von Bürgern betreut. aro

Rund um den Siedlungsgarten ist ein Zaun gezogen, der Kaninchen wegen, die sonst das Gemüse fressen würden. „Vandalismus von Menschen hatten wir hier noch nie“, sagt Heike Bülter. „Da passen auch die Anwohner, die nicht selbst gärtnern, auf.“

Nicht alle, die ein Beet beackern, sind in den Wohnblocks der Hawobau zu Hause. Eine Parzelle wird beispielsweise von der Hattersheimer/Hofheimer Tafel betreut, eine andere vom Psychosozialen Zentrum der Caritas. Für die Besucher der Tagesstätte sei das eine gute Möglichkeit, „nach draußen zu gehen und selbst aktiv zu werden“, sagt Jürgen Königs, der die Tagesstätte leitet. Beerenobst und Kräuter sowie Blumen wachsen im Beet der Caritas-Einrichtung. Hans und Ali rupfen Unkraut aus der Erde. Sie sind fast immer bei der Gartenarbeit dabei. Andere Tagesstätten-Besucher sitzen lieber nebendran auf einer Bank und beobachten das Treiben im Siedlungsgarten.

Das Projekt, das 2014 beim Wettbewerb „Entente Florale“ mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wurde, verbindet nicht nur Generationen sondern auch Menschen unterschiedlicher Herkunft. Für eine Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan etwa sei die Bearbeitung eines kleinen Fleckens Land Trost in einer schweren Zeit gewesen, weiß Heike Bülter. Und Wenhua Huang erntet auf ihrer Parzelle nicht nur Erdbeeren sondern auch eine chinesische Melonen-Art. „Fürs Heimweh“, sagt die 55-Jährige und lächelt.

Die Auszeichnung als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt hat die „Essbare Siedlung“ erhalten, weil nicht nur der artenarme Rasen verschwunden ist, sondern es neben den Beeten auch „wilde Ecken“ gibt. Schmetterlinge und Bienen finden dort Nahrung, und es gibt ein Insektenhotel.

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